Sport / Handball 15.10.09
Text: Miriam Keilbach
Handballbundesligist Rhein-Neckar Löwen
So richtig gefunden haben sie sich noch nicht, die Rhein-Neckar Löwen. Mal spielen sie ihre Gegner an die Wand, mal holen sie mit Glück einen Punkt. Bei elf neuen Spielern ist das aber gar nicht so einfach. Nur drei davon kamen aus der eigenen Jugend, die Rest-Mannschaft wurde quasi neu besetzt. Auch ein neuer Trainer kam. Mit Ola Lindgren wurde der schwedische Nationalcoach verpflichtet, der bis dato bei der HSG Nordhorn auf der Bank saß. Als sportlicher Berater wurde mit Kent-Harry Andersson der ehemalige Trainer der SG Flensburg-Handewitt ins Boot geholt. Mit den neuen Trainern kam auch eine positive Stimmung, erzählt Torhüter Henning Fritz: „Die beiden ziehen ihr System konsequent durch. Wir trainieren, trainieren, trainieren, dann muss es langfristig gut werden."
Mit einer schwedischen Philosophie wollen sie die Badener an die Spitze bringen. Doch bei so vielen Neuzugängen bleibt nur, sich in Geduld zu üben. Jeder müsse noch seinen Platz finden, heißt es aus allen Ecken. Der Fortschritt komme, man verbessere sich.
Gudjon Valur Sigurdsson, der für Island schon über 800 Tore erzielte, kam bereits zur vergangenen Saison. „Wir stehen noch am Anfang und verbessern uns Stück für Stück. Zu Beginn waren wir auf die Distanzwürfe von Karol Bielecki angewiesen, jetzt agieren wir mehr und mehr als Team", so der 30-Jährige. Noch spielen aber bei weitem nicht alle, wie sie es sich vorgestellt haben. Gerade setzte es in der Champions League in der eigenen Halle ein Unentschieden gegen den polnischen Club aus Kielce. „Wir sind uns der Fehler bewusst, die wir machen. Aber wir verstehen uns immer besser. Und je länger wir zusammenspielen, desto mehr wissen wir auch, was der Trainer von uns verlangt", so der Isländer.
Ein Vorteil der Rhein-Neckar Löwen liegt darin, dass sie nicht nur ordentlich aufrüsten konnten, sondern nun auch einen großen Kader zur Verfügung haben. Während in der vergangenen Saison aufgrund von Verletzungen oft die gleichen Spieler zum Einsatz kamen, wird nun rotiert. Jeder im Team soll die Möglichkeit erhalten, mindestens 20 Minuten zu spielen: „Das gibt Sicherheit. Und bei jedem Spiel werden wir besser in der Abstimmung. Am Anfang hatten wir noch einen Bruch im Spiel, wenn einer das Feld verließ und ein neuer kam."
Sicherheit ist auch das, was Torhüter Henning Fritz für das Wichtigste hält. „Das kommt nicht von alleine. Das müssen wir uns erarbeiten." Gerade in der Feinabstimmung sind noch Verbesserungen nötig. Mit der neuen Besetzung allerdings müsste es funktionieren. Das mit dem Titelgewinn.
Einer dieser Neuen ist der Norweger Bjarte Myrhol. Schon ehe klar war, dass auch sein langjähriger Coach Ola Lindgren nach Baden wechselt, unterschrieb er bei den Löwen. „Es gefällt mir super hier, es gibt viele neue Herausforderungen", so der Kreisläufer. „Alles um den Verein herum ist großartig - ich meine, wir spielen in einer Halle vor 13.000 Zuschauern!" Myrhol hat sich in der kurzen Zeit bereits zum Stammspieler entwickelt. „Es ging alles ziemlich schnell und jetzt stehe ich fast die ganze Zeit auf dem Parkett", sagt der 27-Jährige.
Obwohl bei den Löwen Spieler aus neun Nationen zusammenspielen, sind die sprachlichen Hürden überwunden: „Wir sind zum Glück an einem Punkt, wo wir uns alle auf deutsch verständigen können. Dass ich die Sprache der Trainer kann, hilft mir nicht unbedingt. Ich werde eher öfter mal geschimpft, das geht auf der eigenen Sprache ja leichter", lacht Myrhol.
In der Tat hat es mit der Integration der neuen Köpfe aber noch nicht so geklappt, wie man sich das vorgestellt hat. Nationalspieler Oliver Roggisch kam im Sommer 2007, als die Löwen zum ersten Mal aufrüsteten und Sportgrößen wie Welthandballer Henning Fritz, Routinier Christian Schwarzer oder den Polen Karol Bielecki holten. „Die Spieler hier haben die individuelle Klasse, wir sind von allen überzeugt. Aber wir müssen uns noch zusammenfinden. Das hat noch nicht bei allen so gut funktioniert", sagt der Abwehrchef. Er erwartet Zeit und Geduld für die Mannschaft, sich zu finden. „Bei uns spielt teilweise ein komplett neuer Rückraum, der muss sich erst einmal einspielen. Aber in fünf bis zehn Spielen können wir mit dem HSV Hamburg und dem THW Kiel mithalten."
Langfristig ist das auch das Ziel. Nicht nur mithalten, sondern vor den beiden Vereinen zu stehen. „Wir haben alle Möglichkeiten, Titel zu holen. Ob in der Bundesliga, dem Pokal oder der Champions League. Allerdings erst in zwei, drei Jahren", sagt der sportliche Berater Kent-Harry Andersson. „Zur nächsten Saison brauchen wir noch zwei neue Spieler. Ansonsten muss alles so bleiben, wie es ist. Das wichtigste ist jetzt die Kontinuität." Ob ein Weltklassespieler wie Olafur Stefansson, der immerhin schon 36 Jahre auf dem Buckel hat, in zwei Jahren noch spielen wird, ist unklar. Dabei ist er mit seiner Erfahrung (fast 1300 Tore für Island), Routine, Abgeklärtheit und seinem überragendem Niveau einer derjenigen, die die Verantwortung tragen. Roggisch sieht Stefanssons Aufgabe aber weniger im aktiven Bereich: „Olafur soll die Jungen einlernen. Und sowieso lernen wir alle täglich von ihm. Das wird uns später weiterhelfen", erklärt der 31-Jährige.
Gudjon Valur Sigurdsson ist von der Klasse der Neuzugänge überzeugt und sicher, dass sie beim Projekt Titelgewinn helfen: „Wir haben Leute dazu geholt, die Qualität haben. Damit werden wir Titel gewinnen, nur wann, das ist die Frage." Allerdings war im Rhein-Neckar-Gebiet schon vor Jahren die Rede davon, in absehbarer Zeit endlich Titel zu gewinnen. Im Sommer 2007 wurde groß aufgerüstet, am Ziel angekommen sind sie aber noch nicht. Henning Fritz verweist auf den HSV, bei dem dieser Prozess auch Jahre dauerte. Nun aber stehen die Hamburger in der Tabelle ganz oben. Oliver Roggisch weiß, welche Erwartungen an die Mannschaft gestellt werden: „Wir wollen ein Verein bleiben, zu dem die Leute gerne hingehen."
(Text: Miriam Keilbach / Bilder: Sandra Müller und Miriam Keilbach)
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