Sport / Handball 15.02.10
Text: Miriam Keilbach
Handball-Erfolgsverein THW Kiel kann doch noch verlieren„Es ist schwer, nach einer Niederlage ein Statement abzugeben", sagte Handballstar Filip Jicha nach der 30:32-Pleite seines Vereins gegen den FC Barcelona in der Champions League. Mit seiner zweiten Niederlage in nur einer Woche verlor der THW die Tabellenführung in der Gruppe D der Hauptrunde der Königsklasse.
„Wir dürfen den Kopf nicht hängen lassen", sagte Jicha, der bei der Europameisterschaft in Österreich im Januar zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt wurde, und analysierte: „Wir haben nicht so schlecht gespielt, sind mehrmals zurückgekommen. Wie haben einfach dumme Fehler gemacht, die man gegen Barcelona nicht machen darf." Die Chancenverwertung war mangelhaft, am vergangenen Sonntag in der Kieler Sparkassen-Arena, da sind sich alle einig. „Aber noch kann alles passieren. Also erst einmal die Ruhe bewahren", so Jicha.
Damit hat der Tscheche allerdings nicht ganz recht: Es kann nicht mehr alles passieren. Seit dem 07.02. ist das Tripple für den erfolgsverwöhnten Verein nicht mehr möglich. Der VfL Gummersbach schlug den deutschen Meister deutlich mit 35:27 im DHB-Pokal - und so sind für den THW nur noch Meistertitel und Champions League Sieg möglich.
Für so manch einen Club wäre genau das schon ein Traum. HSV Hamburg, Rhein-Neckar Löwen, sie warten seit Jahren auf die Chance, die deutsche Meisterschaft zu holen. Doch bisher schien der THW eine Art Dauerwohnrecht zu besitzen. „Wir sind erfolgsverwöhnt, weil es eine Charaktereigenschaft der Mannschaft ist. Alle die hier spielen, wollen erfolgreich sein. Aber vielleicht müssen wir unsere Erwartungshaltung ändern", sagte Dominik Klein nach dem Champions League-Spiel: „Wir müssen die positiven Dinge mitnehmen, in Mannheim am Mittwoch haben wir gut gespielt." Bei den Rhein-Neckar Löwen siegten sie vier Tage zuvor mit einem Tor und behielten so den Anschluss an den HSV in der Bundesliga.
Mit drei „Endspielen" in nur einer Woche hatte der THW ein schweres Programm. Und das nach der Europameisterschaft, bei der einige Spieler bis zu acht Spiele in nur zwölf Tagen absolvieren mussten. Nur wenige Tage später ging die Bundesliga wieder los. „Das soll keine Ausrede sein, immerhin hat jedes Team das gleiche Problem wie wir. Klar, es kostet Kraft, so ein Turnier zu spielen. Aber die Spieler aus Barcelona haben auch bei der EM gespielt", zeigte Jicha sich selbstkritisch. Dennoch: Barcelona wirkte im Gegensatz zu Kiel fitter. Der Tscheche versucht nun vor allem das Positive zu sehen: „Ja, im DHB-Pokal gab es eine Klatsche. Das war eine Katastrophe. Aber wir haben Chancen und dürfen nicht in Panik verfallen. Wir müssen jetzt einfach hart trainieren."
Auch Christian Zeitz verneinte die Frage nach einer Krise. „Wir sind nicht so eingespielt wie vor der EM, wir müssen wieder mehr zusammenspielen. Vorher hätten wir uns auf ein Spiel gegen Barcelona gefreut, im Moment denken wir eher: ,Schon wieder Handballspielen?'", so der Nationalspieler, der nicht mit in Österreich war. „Es gibt gute Ansätze und auch wenn im Hinterkopf ist, dass es nicht so läuft, müssen wir weiterspielen", sagte der Publikumsliebling und ergänzt: „Es wird auch wieder bergauf gehen."
Damit hat Zeitz wahrscheinlich recht. Sollte im Mai der THW Meister und/oder Champions League-Sieger werden, wird das Gerede dieser Tage vergessen sein. Doch der THW liegt nur auf Platz 2 der Tabelle, hinter dem HSV. Selbstverständlich können die Zebras nicht jedes Jahr Meister werden. Trotzdem haben die Ergebnisse aus den vergangenen Jahren einen Anspruch mit sich gebracht: In der vergangenen Saison hatte der THW lediglich drei Minuspunkte, zum jetzigen Zeitpunkt sind es „schon" vier.
Trainer Alfred Gislason muss sein Team jetzt wieder zusammenbringen. Das erscheint schon aufgrund dessen schwierig, dass nach der EM viele Spieler noch ihre Form suchen. Lediglich Jicha und der erst 19-jährige Aron Palmarsson konnten gegen die Spanier überzeugen. „Wir haben viele individuelle Fehler gemacht. Ich habe einfach zu viele Spieler, die weit weg von ihrer Normalform sind", sagte er nach dem Spiel mit einem ernsteren Gesicht als sonst. „Wir haben ordentlich gespielt, aber eben nicht gut genug". Dass der THW trotzdem noch das Achtelfinale der Champions League erreicht, ist möglich: „Wir müssen das nächste Spiel gegen Leon gewinnen - und das hätten wir auch gewinnen müssen, wenn wir heute gewonnen hätten."
Und während viele Spieler noch mit ihrer Form hadern, konnte ein Junger auftrumpfen. Es war eben dieser Isländer Aron Palmarsson, der die Zebras in der zweiten Hälfte zurück ins Spiel brachte. Dabei war er zunächst nur Ersatzkandidat - er kam für Momir Ilic, dem nichts gelingen wollte. „Ich bin trotzdem enttäuscht heute. Ich bin zwar mit meiner Leistung zufrieden, aber das bringt ja auch nichts, wenn wir am Ende verlieren", sagte er nach dem Spiel. „Ich weiß nicht, was es ist. Wir sind einfach noch im EM-Modus und nun müssen wir uns schnellstmöglich wieder aneinander gewöhnen", so der junge Spielmacher.
Das ist schwierig, denn die Stimmung im Team ist verhalten. „Wir haben keine gute Stimmung im Moment. Keiner verliert gern", sagt der Schwede Marcus Ahlm. Auch er spricht von einer Enttäuschung im DHB-Pokal, aber auch davon, dass sie das aus dem Kopf streichen müssen.
Es sind viele Dinge, die in Kiel derzeit eine Rolle spielen. Die Kraftprobleme nach der EM, die mentalen Probleme nach dem Pokal-Aus und der Niederlage in der Champions League und die Formschwäche einiger Spieler. Ein Ersatz für Welthandballer Nikola Karabatic ist längst nicht gefunden. Die Lücke, die er nach seinem Abgang im Sommer hinterließ, scheint oft größer, als viele sich das vorgestellt haben. Und außerdem stehen noch immer die Manipulationsvorwürfe gegen Ex-Manager Uwe Schwenker und Ex-Coach Noka Serdarusic im Raum. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die beiden sollen bei einigen Spielen, unter anderem dem Champions League Finale 2007 gegen die SG Flensburg-Handewitt, die Schiedsrichter bestochen haben. Aber auch hier zeigen sich Spieler wie Christian Zeitz selbstkritisch genug: „Diese Sache geht uns nichts an, wir haben nur unseren Sport auszuüben. Im vergangenen Jahr gab es diese Vorwürfe auch schon - und wir haben zwei Titel geholt."
(Text: Miriam Keilbach / Fotos: Miriam Keilbach und Silke Leisinger)
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