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Sport / Handball 12.04.10

"Keiner hatte es verdient zu verlieren"

Text: Miriam Keilbach

henningfritzHSV Handball holt nach 2006 erneut den Pokalsieg
Es war ein Finale, wie es sich alle gewünscht hatten: Spannend, dramatisch und spielerisch attraktiv. Als es nach 60 Minuten Kampf, Geist und Elan 30:30 stand, war klar, dass dieses Spiel eigentlich zwei Gewinner verdient hätte. Aber der DHB-Pokal lässt sich nunmal nicht teilen und zehn Minuten später hatte der HSV Hamburg ein Tor mehr geworfen als die Rhein-Neckar Löwen und wurde damit Pokalsieger.

Minutenlang saß Handballnationalspieler Uwe Gensheimer, in Diensten der Rhein-Neckar Löwen, nach Abpfiff an der Bande auf dem Spielfeldrand. Mal schaute er mit leeren Augen aufs Spielfeld, dann schüttelte er den Kopf oder zog sich das Löwen-Trikot über den gesenkten Kopf. Löwen-Manager Torsten Storm entdeckte ihn irgendwann, und schob ihn vorbei an den hüpfenden und tanzenden Hamburger Handballern, die gerade ihren Pokal gen Decke streckten.

Es war ein Finale, wie es dramatischer nicht hätte sein können. Kein Team führte im gesamten Spiel mit mehr als drei Toren. Immer wieder stand es Unentschieden. Auch Minuten vor Schluss wurden die Zuschauer auf eine harte Probe gestellt. Minutelang stand es 29:29 - Fehlwürfe und technische Fehler mischten sich mit guten Torhüterparaden. Immer wieder wechselte der Ball die Mannschaft und es lag ein wenig das Gefühl in der Luft, dass der gewinnen würde, der zuerst trifft. 18 Sekunden vor Ende war es Torsten Jansen, der den HSV quasi schon zum Pokalsieg warf. Aber die Rechnung wurde ohne die Rhein-Neckar Löwen gemacht. Im Gegenzug, zwei Sekunden vor Ende, glichen die Badener durch Uwe Gensheimer aus, der ein klasse Anspiel von Karol Bielecki verwandelte. Unentschieden im Finale. Verlängerung.

roggischDas Final Four ist seit Jahren das Handballevent des Jahres. An einem Wochenende Ende März oder Anfang April treffen sich die vier Halbfinalisten des DHB-Pokals in der Hamburger Color Line Arena. In diesem Jahr traten im ersten Spiel die Rhein-Neckar Löwen gegen Überraschungskandidat VfL Gummersbach an. Überraschend deshalb, weil sie im Viertelfinale den aktuellen Pokalsieger THW Kiel ausschalteten. Die Löwen setzten sich überraschend klar durch und hatten das Spiel schon zu Beginn der zweiten Hälfte in der Hand.

Im zweiten Spiel traf der TUS Nettelstedt-Lübbecke auf das Lokalteam aus Hamburg. Zwar ging der HSV gleich mit 9:2 in Führung, der TUS kämpfte sich aber zurück und ärgerte den HSV bis fünf Minuten vor Schluss. Letztendlich kam es dann zu dem Finale, das von allen erwartet wurde: HSV gegen die Rhein-Neckar Löwen. Tabellenführer der Bundesliga gegen den Tabellenvierten. Champions League Achtelfinalist gegen Champions League Achtelfinalist.

Zunächst aber wurde der dritte Platz ausgespielt. Zuletzt waren mit dem THW, dem HSV und den Löwen immer Teams im Halbfinale ausgeschieden, die sowieso international spielen. Der bestplatzierte Club, der nicht schon international spielt, zieht in den Europapokal der Pokalsieger ein. In diesem Jahr also, wer den dritten Platz belegt.

Überraschungsteam TUS N-Lübbecke - der Aufsteiger ist zum ersten Mal beim Final Four gewesen - setzte sich in einem spannenden Spiel gegen die leicht favoritisierten Gummersbacher durch und spielt nun international. Nationalspieler Arne Niemeyer, im Halbfinale überragender Torschütze auf Seiten der Nettelstedter, musste allerdings verletzungsbedingt mit der Bank Vorlieb nehmen.

Am Ende war es ein verdienter dritter Platz für den TUS. Nicht zuletzt wegen der Anhänger, die selbst die Lokalmatadoren alt aussähen ließen und für die beste Stimmung in der Halle sorgten.

Allerdings kochte die Stimmung im Finale dann auch endlich hoch. Nach holprigem Start der Fans - jede Mannschaft durfte eine Ecke der Color Line Arena in Anspruch nehmen - wurde es endlich laut. Offiziell galt das Final Four zwar auch dieses Jahr mit 13.004 verkauften Tickets für ausverkauft, doch blieben erstmals viele Sitze und Ränge leer.

In der Verlängerung des Finales war es Nationaltorwart Johannes Bitter, der seinen Hamburgern den Pokalgewinn zusicherte. Zwar überzeugte er in der gesamten Partie weniger, aber in den entscheidenden Momenten war er da. Den Rhein-Neckar Löwen gelang in der ersten Hälfte der Verlängerung, die fünf Minuten dauert, kein einziger Treffer, während der HSV gleich dreimal traf. Zwar kamen die Löwen noch einmal auf 33:34 heran, doch vergaben sie die letzte Chance, doch noch einmal zum Ausgleich zu kommen. Auch im fünften Anlauf haben die Löwen es nicht geschafft, den Pokal zu holen.

henningfritz„Das ist eine große Enttäuschung. Es war ein Spiel auf Augenhöhe und da entscheiden Kleinigkeiten, wie etwa das Glück. Bei kritischen Entscheidungen waren die Schiedsrichter eher freundlich gegenüber Hamburg. Wir haben eine überragende Leistung gezeigt - und das in der Heimhalle unseres Gegners. Man sollte überdenken, ob Hamburg als Austragungsort des Final Fours so glücklich gewählt ist", fasste ein sichtlich frustrierter Henning Fritz, Torhüter der Löwen, zusammen. In der Vergangenheit gab es öfter Kritik am Austragungsort des Final Fours, das immer in Hamburg stattfindet und somit immer in der Heimhalle des HSV.

Ähnliche Worte fanden alle Löwen. Manager Torsten Storm zeigte sich von der Courage seiner Spieler beeindruckt: „Sie hatten das Gefühl, dass die Schiedsrichter gegen sie pfeifen und haben trotzdem 70 Minuten dagegen gehalten. Dennoch hatten wir Chancen. Ich bin sehr traurig, gratuliere aber dem HSV zum Titelgewinn."

„Es ist bitter, nach so einem Spiel mit leeren Händen dazustehen", sagte Löwen-Coach Ola Lindgren: „Ich bin sehr zufrieden mit der Leistung meiner Mannschaft - gestern wie heute. Wir haben diszipliniert agiert und es tut weh, dass Kleinigkeiten spielentscheidend waren. Wir haben gekämpft und gut gespielt."

Auch die Hamburger waren fasziniert von der badischen Moral und Bissfestigkeit, wie etwa Manager Christian Fitzek: „Ich denke, keiner hatte hier heute den Sieg verdient, denn es war eine Partie auf Augenhöhe. Dass Jogi Bitter in der ersten Hälfte der Verlängerung so gut gehalten hat, war der Knackpunkt im Spiel."

Martin Schwalb kommentierte den ersten Pokalsieg nach 2006 nicht weiter: „Ich freue mich einfach, auch wenn die Löwen uns mit ihrem aggressiven und starken Spiel das Leben schwer gemacht haben." Er warnte aber gleich auch vor zuviel Euphorie: „Wir haben viel Größe bewiesen, aber der Titelgewinn hilft uns in der Bundesliga und in der Champions League auch nicht weiter."

Die Hamburger haben jetzt einen Abend zum Feiern, während viele Spieler schon auf dem Weg zu ihren Nationalmannschaften sind. Das deutsche Team spielt am Dienstag in Hamburg gegen den HSV in einem Benefizspiel für den während der Europameisterschaft verstorbenen HSV-Star und deutschen Nationalspieler Oleg Velyky. Anschließend geht der Ligabetrieb in Bundesliga wie Champions League weiter. Dort treffen die Löwen auf den THW Kiel, die an diesem Wochenende in Hamburg schmerzlich vermisst wurden. Der THW spaltet die Fans, an diesem Wochenende aber waren viele neutrale Zuschauer in der Halle, weshalb es erst gegen Ende zu einer wirklichen Stimmung kam. Für das Champions League Achtelfinale ist Torsten Storm aber zuversichtlich: „Wenn man gegen den HSV so spielen kann, kann man es auch gegen den THW."

(Text: Miriam Keilbach / Fotos: Miriam Keilbach und Sandra Müller)

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