Sport / Wintersport 04.03.10
Text: Sportredaktion
Die Olympischen Spiele in VancouverKatrin Brunner, Claudia Macht, Franziska Herr, Carolin Schmitt und Miriam Keilbach haben für back view zusammengetragen, was in 17 Tagen Olympia passierte.
Höher, schneller, weiter
Die Olympischen Spiele in Vancouver hatten ihre größte Schlagzeile schon vor der offiziellen Eröffnungsfeier. Eine Schlagzeile, auf die Organisatoren, Sportler und Fans gleichermaßen hätten verzichten können. Wenige Stunden vor der großen Zeremonie stirbt der georgische Rennrodler Nodar Kumaritaschwili im Eiskanal von Whistler. Einer Bahn, von der alle wussten, dass sie eine Fehlkonstruktion war. Dass sie viel schneller war als sie sein sollte. Gefährlicher. Zahlreiche Stürze im Training, auch von erfahrenen Athleten. Und im Abschlusstraining dann die Tragödie. Viel zu schnell, mit 144 Stundenkilometern, fuhr Kumaritaschwili in die letzte der 16 Kurven, die Thunderbird-Kurve. Er prallte an die Innenbande, sein Schlitten wurde hochgeschleudert und warf ihn aus der Bahn, mit dem Rücken und dem Hinterkopf prallte er gegen den Stahlträger der Überdachung. Die Bahn sollte nur 120 Stundenkilometer zulassen. Später hieß es, es wäre ein Fahrfehler gewesen, an der Bahn habe es nicht gelegen. Dabei stand das Whistler Sliding Centre schon vor dem Unfall in der Kritik. Der Internationale Rennrodelverband, Bundestrainer und Athleten bemängelten, die Bahn sei zu schnell. Sie wurden nicht beachtet. Ein georgischer Fahrer, der einen Fehler machte, musste deshalb sterben. Ja, es ist eine Fehlkonstruktion. Aber statt zu handeln, wurde ein Maulkorb für Kritiker verhängt. Und die Bahn wurde nach Verkürzung des Anlaufs und Erhöhung der Wände in Kurve 16 wieder freigegeben.
Auch in der Abfahrt hagelte es Stürze und Kritik. Anja Pärson, bis dahin auf Medaillenkurs, flog 60 Meter durch die Luft. Ihr Trainer sagte später, sie hätte tot sein können. Fast unverletzt hat sie überlebt, ihr Körper war voller Blutergüsse. Außerdem stürzten Dominique Gisin und Daniela Merighetti, aber auch sie blieben unverletzt. Schlimmer traf es Edith Miklos und Marion Rolland, die einen Kreuzbandriss erlitten. Während einige die Piste als olympiawürdige Herausforderung betitelten, häuften sich die kritischen Stimmen, der Franz's Downhill sei zu gefährlich.
Wie auch immer die Weitenjagd weitergehen wird, den Verantwortlichen sollte wieder der olympische Gedanke in den Kopf kommen: Dabei sein ist alles. Spaß am Sport. Keine waghalsige, riskante Lebensmüdigkeit.
Biathlon
Im Biathlon gab es bei spannenden und vor allen Dingen auch historisch relevanten Entscheidungen besonders für Außenseiter die Chance auf eine Medaille. So sicherte sich die Slowakin Anastasyia Kuzmina gleich im Auftaktrennen Gold über 7,5 Kilometer und holte damit den ersten Olympiasieg bei Winterspielen für die Slowakei. Nach Silber im Sprint erfüllte sich Magdalena Neuner mit der Goldmedaille in der Verfolgung alle Träume und brachte Deutschland im Ewigen Medaillenspiegel wieder an die erste Position vor Russland. Nach einem weiteren Sieg im Massenstart verzichtete Neuner auf ihren sicheren Staffeleinsatz, um den anderen vier Läuferinnen die Chance auf eine Medaille zu ermöglichen. Dies gelang den Ü-30-Frauen auch: Kati Wilhelm, Andrea Henkel, Martina Beck und Simone Hauswald, die sich zuvor im Massenstart über Bronze freuen durfte, liefen hinter Russland und Frankreich auf den Bronzerang. Bei den deutschen Männern sah die Bilanz nicht ganz so erfreulich wie bei den Damen aus: Das erste Mal seit 42 Jahren kehrten deutsche Biathleten ohne Medaille von Winterspielen nach Deutschland zurück. Überzeugen konnten die Norweger um Emil Hegle Svendsen, sowie Frankreich und Russland.
Curling
Curling scheint für viele Zuschauer sehr langsam, uninteressant und daher einfach nur langweilig zu sein. Dabei ist es ein hoch interessanter Sport, der von den Spielern eine mentale Ausdauer und mit Pulsraten von bis zu 150 Schlägen ebenfalls eine gute körperliche Fitness verlangt. Man nennt dieses Strategiespiel auch „Schach auf Eis". Im Gegensatz zu dem Brettspiel spielen beim Curling zwei Mannschaften bestehend aus jeweils vier Spielern auf einer ca. 45m langen Eisbahn gegeneinander. Abwechselnd versuchen die gegnerischen Teams jeweils acht Spielsteine, die ungefähr 20 Kilogramm wiegen, möglichst nah in das Spielfeldzentrum gleiten zu lassen um so zu punkten.
Curling, das erst im Jahr 1998 olympische Disziplin wurde, ist in Kanada Volkssport. Alle Spiele im Vancouver Olympic Centre waren daher restlos ausverkauft. Die kanadische Mannschaft um Skip (Teamkapitän) Kevin Martin zog mit seinem Team ungeschlagen in das Finale ein und ließ auch dort die Siegesserie nicht abreißen. Im Spiel gegen Norwegen sicherte sich Kanada mit einem eindeutigen 6:3-Sieg die Goldmedaille, Bronze ging an Schweden.
Bei den Damen mussten sich die Kanadierinnen jedoch gegen den Olympiasieger von 2006, Schweden, in der Nachspielzeit mit 7:6 geschlagen geben, Bronze gewann das Team aus China. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es für den Silbermedaillengewinner jedoch: Beim Curling ist es Usus, dass der Gewinner dem Verlierer eine Runde ausgibt.
Skispringen
Eigentlich hätte es ein Zweikampf werden sollen, aber es war eine Ein-Mann-Show. Der Schweizer Simon Ammann sicherte sich nach seinem Doppelsieg (Normal- und Großschanze) in Salt Lake City 2002 auch in Whistler zweimal die Goldmedaille. Damit ist Ammann der erfolgreichste Skispringer bei den Olympischen Spielen, da noch nie zuvor ein Athlet vier einzelne Goldmedaillen gewann. Mitfavorit Gregor Schlierenzauer wurde zweimal unter Wert geschlagen. Zweimal vermasselte der Österreicher den ersten Sprung, zweimal schaffte er es immerhin noch aufs Podium und holte Bronze. Und auch die Silbermedaille ging sowohl auf der Groß- als auch auf der Normalschanze an den gleichen Herrn: Adam Malysz erreichte rechtzeitig zu den Spielen wieder Höchstform.
Nach dem ersten Durchgang auf der Normalschanze war Michael Uhrmann noch auf Medaillenkurs, nach seinem zweiten Sprung rutschte er auf Rang 5. Martin Schmitt wurde 10., Michael Neumayer wurde 16. Pascal Bodmer schied nach Anzugsproblemen im ersten Durchgang auf Rang 31 aus. Auf der Großschanze war Michael Neumayer auf dem sechsten Platz bester Deutscher. Die restliche Mannschaft erlebte einen der schlechtesten Tage: Michael Uhrmann wurde 25., Andreas Wank, der für Pascal Bodmer ins Team rückte, wurde 28. und Martin Schmtit 30.
Die Wiedergutmachung folgte im Teamspringen. Die Österreicher holten wie erwartet ihre Goldmedaille - endlich, denn eigentlich war nach der Dominanz im Weltcup mit mehr als einer Gold- und zwei Silbermedaillen zu rechnen. Und die Deutschen setzen sich gegen die favorisierten Norweger durch und sprangen, trotz einem Patzer von Schmitt, aber mit sehr guten Leistungen der übrigen Athleten Uhrmann, Neumayer und Wank, zu Silber. Norwegen wurde nur Dritter, Finnland landete auf dem vierten Rang. Der Einzelolympiasieger trat mangels Athleten in der Schweiz im Teamwettbewerb nicht an.
Ski Alpin
Die Erwartungen mehr als erfüllt haben die alpinen Damen des DSV. Dabei begann es alles andere als gut. Die Abfahrt dominierte Team USA, Lindsey Vonn gewann vor Julia Mancuso, Maria Riesch enttäuschte mit dem achten Platz. Einen positiven Eindruck hinterließ lediglich der zehnte Platz von Gina Stechert. Einen Tag später war die Überraschung jedoch perfekt: Mit einem grandiosen Lauf raste Maria Riesch zu Gold in der Super-Kombination. Zweite wurde erneut Mancuso vor der verletzten Anja Pärson aus Schweden. Damit war der Druck vom Team genommen und nicht nur Riesch konnte befreit auffahren. Das gesamte Team profitierte von der guten Stimmung und ließ sich zu Höchstleistungen motivieren. Trotzdem hätte wohl niemand mit diesem Ausgang des Riesenslaloms gerechnet: Die erst 20-jährige Viktoria Rebensburg gewann überraschend Gold - ihr erster Sieg überhaupt. Die Plätze belegten Marlies Schild (AUT) und Sarka Zahrobska (CZE). Für Sollübererfüllung sorgte am nächsten Tag Maria Riesch mit ihrem Sieg im Slalom. Silber und Bronze gingen erneut an Schild und Zahrobska.
Mit diesen glänzenden Resultaten konnten die Damen nicht nur das beste alpine Ergebnis seit Langem vorweisen, sondern zugleich auch den Ausfall der Männer zumindest teilweise überdecken. Stefan Keppler wurde 24. in der Abfahrt und der Super-Kombination, im Super-G schied er aus und auch Felix Neureuther, der vor Olympia in bestechender Form war, kam im Riesenslalom nicht über einen 8. Platz hinaus, in seiner Paradedisziplin Slalom schied er bereits im ersten Lauf aus. Die Medaillen holten andere. In der Abfahrt gewann der Schweizer Didier Defago Gold vor Aksel Lund Svindal (NOR) und Bode Miller (USA) und auch im Riesenslalom stand ein Schweizer ganz oben: Carlo Janka verwies die Norweger Kjetil Jansrud und Svindal auf die Plätze. Insgesamt konnten die US-Athleten und -Athletinnen neun Medaillen für sich verbuchen und auch Norwegen und die Schweiz können mit vier beziehungsweise drei Medaillen zufrieden sein. Drei Goldmedaillen kann jedoch nur Deutschland vorweisen.
Eiskunstlauf
Beim Eiskunstlaufen der Männer kristallisierte sich eine zunehmende Spaltung zweier Lager heraus: Künstler versus Springer. Nachdem der Amerikaner Evan Lysacek im vergangenen Jahr Weltmeister wurde, ohne einen vierfachen Sprung gezeigt zu haben, wurde Kritik laut: Am neuen Punktesystem, den Kampfrichtern und immer wieder an einer „Rückentwicklung" auf dem Eis. Sei doch der vierfache Sprung das i-Tüpfelchen zum perfekten Eiskunstläufer.
Der Russe Evgenij Plushenko, der bei den letzten Olympischen Spielen in Turin mit dem Olympiasieg seine erfolgreiche Karriere gekrönt und offiziell beendet hatte, kehrte in diesem Jahr zu den Europameisterschaften in blendender Form zurück. Sein Ziel: Doppelolympiasieg. Nachdem er nach dem Kurzprogramm in Vancouver hauchdünn vor seinen Konkurrenten lag, war nach Evan Lysaceks fehlerfreiem, doch auch nicht risikofreudigem Lauf (kein Vierfachsprung) klar, dass Plushenko als letzter Läufer alles geben musste. Das tat er auch, wackelte zwar beim Dreifach-Axel, sprang dafür aber den Vierfach-Toeloop. Die Kommentatoren des ZDF bemerkten richtig, dass es sich bei dieser Jury-Entscheidung um eine Entscheidung zwischen dem besten Springer und dem besten Tänzer handelt. Die Jury entschied sich für den besseren Tänzer und so holte Lysacek das erste Olympiagold des Eiskunstlaufs für einen Amerikaner seit 22 Jahren. Plushenko musste sich mit Silber zufrieden geben. Die Bronzemedaille des Japaners Daisuke Takahashi ging in all dem Trubel völlig unter.
Nordische Kombination
Keine Überraschung in der ersten Konkurrenz: Im Einzelwettbewerb von der Normalschanze sicherte sich der Gesamtweltcupführende Jason Lamy Chappuis aus Frankreich mit einem brillanten Zielsprint die Goldmedaille vor dem US Amerikaner Johnny Spillane und Alessandro Pittin aus Italien.
In einem von Wind und Schnee begleiteten Teamwettkampf überraschten die Österreicher mit einer starken Laufleistung und sicherten sich Gold vor den hoch favorisierten US Amerikanern und dem Team aus Deutschland.
Bei dem Wettkampf von der Großschanze wurden die Athleten vom ungnädigen Wettergott erneut nicht verschont. Wegen starkem Rückenwind und Schneefall wurde der Sprungdurchgang abgebrochen und bei ähnlich schlechtem Wetter neu gestartet. Besonders die Besten des Weltcups wurden bei sehr schlechten Bedingungen von der Schanze gelassen und hatten keine Chance auf eine gute Ausgangslage für den Langlauf. Die glücklichen Gewinner dieses vom Wetter beeinflussten Wettkampfes waren die US-Amerikaner Bill Demong und Johnny Spillane auf den Plätzen eins und zwei, sowie der Beste nach dem Sprunglauf, Bernhard Gruber aus Österreich, der sich die Bronzemedaille sicherte. Aber wie immer wird sich jedoch in einigen Monaten kaum noch jemand an den Ablauf erinnern, sondern nur noch an die Medaillengewinner.
Snowboard
In den Snowboardwettbewerben hat Shaun White wieder einmal alles dominiert und nach den X-Games und den letzten olympischen Spielen auch dieses Mal wieder Gold in der Halfpipe geholt. Immer wieder probierte er neue Tricks in seiner privaten Halfpipe aus, trainierte sie ein und hatte so einen Vorteil gegenüber den anderen Athleten. Die anderen Sportler haben diesen Luxus noch nicht und können daher auch keine 1260 Turns oder den berühmten Double Cork zeigen wie Shaun White. Zuletzt versuchte Kevin Pearce, White mit seinen Tricks Konkurrenz zu machen, mit fatalen Folgen, weshalb er nun in einer Reha-Klinik wieder laufen lernen muss. White dominierte so die Disziplin eindeutig.
Eishockey
Der krönende Abschluss der Olympischen Winterspiele 2010 - im wahrsten Sinne des Wortes. Zumindest für die Kanadier dürfte dieses Eishockeyfinale noch lange Zeit unvergessen bleiben. Mit dem Gewinn der Goldmedaille im eigenen Land erfüllte die kanadische Nationalmannschaft nicht nur ihren eigenen Traum. Den Vergleich zwischen USA und Kanada hatten die Kanadier zumindest in der Vergangenheit meist für sich entscheiden können. Das letzte Spiel in der Vorrunde der Olympischen Spiele allerdings dominierten die Amerikaner und gewannen mit 5:3.
Vor ausverkauftem Haus lagen die Kanadier relativ schnell in Führung und legten gleich im zweiten Drittel das 2:0 nach. Doch so schnell ließen sich die Amerikaner nicht abspeisen und schossen in der Mitte des zweiten Drittels den Anschlusstreffer zum 2:1. Die Kanadier blieben weiterhin aggressiv, suchten den Körperkontakt und waren mehrmals kurz davor, das entscheidende 3:1 zu schließen. Doch der Puck wollte einfach nicht ins Netz. Es waren noch 50 Sekunden zu spielen, als beide Trainer noch einmal von ihrem Auszeitrecht Gebrauch machten, um ihre Mannschaften auf die Schlussphase einzuschwören. Im Canadian Hockey Place waren es noch 40 Sekunden auf der Uhr und die Kanadier hatten schon eine Hand an der Goldmedaille. Noch 30 Sekunden - und dann kam Zach Parise. Das Schöne am Eishockey ist, dass es nur eine Sekunde dauert, den Puck im Tor zu versenken. Und dieser Moment war exakt 24 Sekunden vor Schluss. Die USA glichen aus.
Das Spiel der Spiele ging also in die Verlängerung: „Sudden Death". Das erste Tor zählt. Letztendlich war es Kanadas neuer Eishockeyheld Sidney Crosby, der das entscheidende 3:2 schoss. Kanada gelang damit der Doppelerfolg, denn auch die Damen hatten im Finale die Amerikanerinnen besiegt. Bronze holte Finnland, die im kleinen Finale die Slowakei besiegten. Bei den Damen gewann Finnland ebenfalls im kleinen Finale - allerdings gegen Schweden.
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Über die Olympischen Spiele berichtet die back view Sportredaktion: Katrin Brunner (Nordische Kombination, Curling), Claudia Macht (Eiskunstlauf, Biathlon), Franziska Herr (Ski Alpin), Carolin Schmitt (Eishockey, Snowboard) und Miriam Keilbach (Skispringen, Weitenjagd).
(Foto: Eddie Fernandes / picturesofvancouer.com)
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Der amerikanische Blick auf Europa |
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