Sport / Wintersport 12.03.10
Text: Katrin Brunner
Nordische Kombination-Olympiasieger Jason Lamy Chappuis im Interview
Eine Woche nach den Olympischen Spielen gewann Jason Lamy Chappuis vorzeitig den Gesamtweltcup in der Nordischen Kombination. Im Schatten von Hannu Manninen, Felix Gottwald und Ronny Ackermann arbeitete sich der in den USA geborene Franzose an die Weltcupspitze. Katrin Brunner traf den 23-jährigen Olympiasieger in Lahti und sprach mit ihm über den Gewinn der Goldmedaille, die irregulären Wettkampfbedingungen in Whistler und ein Ultimatum an FIS-Renndirektor Walter Hofer.
back view: Jason, herzlichen Glückwunsch zu deinem dritten Platz heute. Nachdem nur der provisorische Wettkampfsprung, also eine Art Reservesprung, gewertet wurde - wie sah deine Strategie für den Langlauf aus?
Jason Lamy Chappuis: Ich hatte eine gute Ausgangsposition durch den provisorischen Wettkampfsprung. Ich konnte an siebter Stelle liegend mit nur 24 Sekunden hinter Bernhard Gruber starten. Ich wusste, dass Hannu Manninen mich sehr schnell einholen wird und ich wollte solange wie möglich mit ihm mitlaufen. Er war aber zu schnell für mich und in der dritten Runde fühlte ich, wie meine Beine brannten. Dann musste ich ihn ziehen lassen. Ich wollte mich dann ein bisschen erholen, um im Zielsprint noch einmal alles zu geben.
Heute musstest du die meiste Zeit allein laufen, sonst sieht man dich eher mitten in einer Gruppe. Ist das das Geheimnis deiner guten Laufergebnisse?
Ich bin nicht der beste Langläufer, daher halte ich mich eher im Windschatten der Gruppe auf und spare Kräfte für den Zielsprint. Ist die Gruppe allerdings zu langsam, gehe ich auch mal an die Spitze, um das Tempo wieder anzuziehen.
Du hast am Freitag bereits vorzeitig den Gesamtweltcup gewonnen und bist Olympiasieger geworden. Hast du erwartet, dass diese Saison so für dich verläuft?
Überhaupt nicht! Mein Hauptziel war es, eine olympische Medaille zu gewinnen, die Farbe war mir ehrlich gesagt egal. Ich wollte so oft wie möglich einen Platz auf dem Podium erreichen, um mich in eine gute Startposition für die Olympischen Spiele zu bringen. Als ich dann in der Saison das gelbe Leibchen des Weltcupführenden bekam, wollte ich es natürlich verteidigen.
Wenn du dich an die Wettkämpfe in Vancouver zurückerinnerst, hast du dich anders als vor einem normalen Weltcup verhalten?
Natürlich gibt es bei den Spielen viel mehr Druck von allen Seiten. Ich habe aber versucht, nicht an die Presse zu denken und konzentrierte mich ganz auf meinen Wettkampf.
Hast du dich selbst auch unter Druck gesetzt? Immerhin bist du als Weltcupführender und somit als Favorit angereist.
Man braucht eine gewisse Art von Druck, um eine gute Leistung zu bieten. Ich habe auch nicht an die Konsequenzen gedacht, falls ich keine Medaille gewinnen würde. Ich habe einfach alles gegeben.
Viele Athleten, die einen großen Wettkampf gewonnen haben, erzählen, dass sie schon morgens beim Aufstehen gefühlt haben, dass etwas Besonderes geschehen wird. Hast du etwas Ähnliches gefühlt?
Nicht wirklich. Ich war auch nicht besonders nervös und habe einfach das Schicksal entscheiden lassen. Es war schon etwas ungewöhnlich, dass ich bei so einem großen Event nicht aufgeregt war. Ich hatte allerdings auch keine Vorahnung, dass es ein besonderer Tag werden würde.
Was war dein erster Gedanke als du realisiert hast, dass Johnny Spillane dir im Zielsprint nicht folgen konnte und du Olympiasieger wirst?
Ich habe es zuerst überhaupt nicht realisieren können. Ich habe auf Johnny Zentimeter um Zentimeter gut gemacht. Dann habe ich nur meine Trainer gesehen - wie glücklich sie waren. Das schönste Gefühl war jedoch als ich abends auf dem Medal Plaza meine Medaille bekam.
Das US-Team war sehr erfolgreich während der Spiele. Da du in den USA geboren bist, hast du auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Hast du je drüber nachgedacht für die USA an den Start zu gehen?
Die Amerikaner haben mich 2006 gefragt ob ich in ihr Team wechseln möchte. Ich habe aber die meiste Zeit meines Lebens in Frankreich gelebt und dort auch das Skispringen und das Langlaufen gelernt. Meiner Meinung nach wäre es ein Verrat an meinen Trainern und meinen Teamkameraden, daher lehnte ich ab.
Wie hast du deine Erfolge gefeiert?
In Whistler hatte ich nur wenig Zeit zum Feiern. Wir waren bisher auch nur zwei Tage zu Hause und fuhren dann schon wieder nach Lahti. Ich denke, dass ich im Frühjahr nach der Saison noch genug Zeit zum Feiern haben werde.
Die zweite Einzelentscheidung in Vancouver wurde unter sehr umstrittenen Bedingungen ausgetragen. Erst ein Abbruch wegen des Windes, dann entschied sich die Jury für einen Neustart unter noch schlechteren Bedingungen - gerade bei den Topathleten. Walter Hofer hat euch Athleten in Lahti deshalb sogar zu einem Gespräch geladen, um eure Missstimmung nicht nur gegenüber der Presse auszudrücken. Würdest du mir deine Sichtweise zur Wettkampfdurchführung schildern?
Zuerst möchte ich betonen, dass es nichts mit den Medaillengewinnern zu tun hat. Bill Demong, Johnny Spillane und Bernhard Gruber sind keine unbekannten Sportler, sie haben die Medaillen wirklich verdient. Man muss natürlich bei so einem Wettkampf auch einen guten Tag erwischen, aber einige von uns hatten einfach keine Chance bekommen. Die Jury hat es überhaupt nicht gekümmert, dass sie uns unter diesen irregulären Bedingungen springen ließ. Walter Hofer hat uns in dem Gespräch bestätigt, dass zu keinem Zeitpunkt Druck auf die Jury ausgeübt wurde, diesen Wettkampfsprung unbedingt an diesem Tag beenden zu müssen. Es sprach also nichts dagegen, den Wettkampf abzubrechen und am Nachmittag oder einem anderen Tag neu zu starten. Viele von uns haben vier Jahre trainiert und im Endeffekt nichts erreicht. Ich hatte zum Glück schon eine Medaille gewonnen und war daher nicht so enttäuscht, was anders gewesen wäre, wenn ich noch keine gehabt hätte. Die Jury war einfach zu unprofessionell und hatte nur wenig Ahnung vom Skispringen.
Welches Ergebnis erwartet ihr nun von diesem Gespräch?
Dieser Wettkampf soll ein Beispiel statuieren. In der Zukunft sollen Entscheidungen durch die Erfahrungen aus dieser Fehlentscheidung richtig getroffen werden. So etwas wie in Vancouver darf nicht noch einmal passieren!
Erwartet ihr nun eine Entschuldigung?
Nein, wir möchten eher eine Erklärung hören.
Ihr Athleten habt Walter Hofer in eurem Brief ein Ultimatum bis zum Wettkampf in Oslo gegeben und Maßnahmen angekündigt, falls ihr keine Reaktion bekommt. Wie werden diese Maßnahmen aussehen?
Walter Hofer sagt, dass eine Reaktion bis Oslo nicht möglich sei. Der Wettkampf und unsere Anmerkungen aus dem Gespräch werden von einem Komitee im Juni evaluiert. Dann liegen aber bereits vier Monate dazwischen. Die Evaluation wird keine Auswirkungen zeigen und niemand wird sich an den ganzen Vorfall erinnern.
Es gibt Gerüchte, dass ihr den Wettkampf in Oslo boykottieren wollt oder mitten im Wettkampf abbrechen wollt. Ist es der richtige Weg, die Veranstalter in Oslo für das Verhalten der Jury in Vancouver zu bestrafen?
Ich kann nicht genau verraten, was wir planen, aber wir wollen die Wettkämpfe nicht boykottieren, denn wie du schon sagst, die Veranstalter in Oslo tragen keine Verantwortung für das, was passiert ist. Wir müssen aber ein Zeichen setzen, denn wir wollen angehört werden!
Kommen wir noch mal zum Weltcup zurück. Anssi Koivuranta war der Gesamtweltcup-Sieger der letzten Saison. In diesem Jahr hat er jedoch noch keinen Wettkampf gewonnen. Was wirst du unternehmen, damit dir nicht dasselbe in der nächsten Saison passiert?
Er hatte eine fantastische Saison, daher ist es schwierig, das Leistungsniveau zu halten. Man denkt viel nach, wenn es mal nicht so gut läuft und auf der anderen Seite ist man hoch motiviert, wenn man das gelbe Leibchen hat, das einen zu sehr guten Leistungen beflügelt. Ich hatte jetzt auch eine tolle Saison und es kann kaum noch besser werden.
Du bist einer der besten Skispringer bei den Kombinierern und bist auch bei den Spezialspringern im Team gestartet. Warum hast du dich für die Nordische Kombination und nicht für das Spezialspringen entschieden?
Ich mag die Kombination mehr, weil sie beständiger ist. Beim Skispringen geht es viel mehr um Psychologie. Hat man einen schlechten Sprung in der Qualifikation, darf man am Wettkampf nicht teilnehmen. In der Nordischen Kombination ist man bei jedem Wettkampf dabei und hat ein Ergebnis. Einen schlechten Sprung kann man in der Loipe wieder begleichen.
Seit der Saison 2008/2009 gibt es nur noch ein Wettkampfformat mit einem Sprung und zehn Kilometern Langlauf. Bevorzugst du dieses Format?
Für die Zuschauer am Fernseher ist es übersichtlich und einfach zu verstehen. Zum Ende der Saison wird es allerdings ziemlich langweilig. Da ich aber schon immer besser auf der kurzen Distanz war, liegt mir dieses Format eher.
Würdest du lieber wieder zu den alten Formaten mit Gundersen, Sprint und Massenstart übergehen?
Nein, ich würde es bevorzugen, den zehn Kilometer Gundersen beizubehalten und mit einem Massenstart zu ergänzen. Für die Zuschauer sollte das ebenfalls gut nachvollziehbar sein.
Seit dieser Saison werden die unterschiedlichen Windstärken innerhalb eines Durchgangs mit in die Endnote eingerechnet. Genau so ist eine flexible Anlauflänge möglich, was in der Endnote berücksichtigt wird. Was hältst du von den neuen Regeln?
Es ist sehr gut für die Fairness unseres Sports, das System muss jedoch noch weiterentwickelt werden. Es funktioniert schon recht gut, aber es muss noch näher im Fernsehen erläutert werden und das Bonus-/ Minussystem besser visualisiert werden. Es ist dennoch ein guter Start in die richtige Richtung.
Letzte Frage: Wir sind dieses Wochenende zu Gast in Lahti. Nach der letzten Weltmeisterschaft 2001 hat man sich für die Austragung der WM im Jahr 2015 beworben. Denkst du Lahti kann sich gegen die Konkurrenten Falun, Oberstdorf und Zakopane durchsetzen?
Lahti hat ein sehr großes Stadion und alle Wettkampfstätten liegen zentral an einem Ort. Der Anblick der Schanzen ist wirklich sehenswert. In Oberstdorf waren wir erst 2005 und in Falun war ich noch nie. Ich glaube, dass Lahti gute Chancen hat und ich würde mich freuen, wenn ich bei der WM hier an den Start gehen darf.
Vielen Dank, Jason, für das Interview und wir wünschen dir einen schönen Saisonabschluss in Oslo und gute Erholung im Frühling.
(Text: Katrin Brunner / Fotos: flying-jason.com)
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Der amerikanische Blick auf Europa |
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