Sport / Wintersport 28.03.10
Text: Miriam Keilbach
Doppelinterview mit Michael Uhrmann und Michael Neumayer
Diese Skisprungsaison war nicht die der Deutschen. Zwar gewannen sie bei den Olympischen Spielen überraschend die Silbermedaille, aber mehr war nicht zu holen. Ein Lichtblick aber bleibt: Die Jungen sind endlich im Angriff. Darüber sind auch die Oldies im Team, Michael Uhrmann und Michael Neumayer, erfreut. Beim Saisonfinale in Planica am vergangenen Wochenende sprachen sie mit back view über Olympia, genetische Vorteile und warum es jetzt keinen Urlaub gibt.
back view: Das war eine Saison mit vielen Highlights. Zu den üblichen wie der Vierschanzentournee und dem Nordic Tournament kamen noch die Olympischen Spiele und jetzt als finaler Wettkampf die Skiflug-Weltmeisterschaft in Slowenien. Spürt ihr den Kräfteverschleiß?
Michael Uhrmann: Es war tatsächlich eine sehr anstrengende Saison, mit den Olympischen Spielen in Kanada und auch mit der Team-Tour, die erst zum zweiten Mal ausgetragen wurde (Anm. d. Red. Die Team-Tour ist ein zehntägiger Wettbewerb, der aus zwei Team- und drei Einzelspringen besteht, die in diesem Jahr in Oberstdorf, Klingenthal und Willingen stattfanden. Sieger ist eine Nation. Deutschland wurde hinter Österreich und Norwegen Dritter. Wir waren einen Monat für die Spiele unterwegs und haben viel investiert, da ist die Belastung natürlich höher. Aber wir sind sehr froh darüber, dass alle im Team genau zu Olympia die beste Form hatten. Wir wussten, dass wir nur im Team was reißen können und konnten unsere Kräfte sehr gut bündeln.
back view: Zu Saisonbeginn war von euch beiden noch nichts zu sehen. Mit Pascal Bodmer hat ein damals erst 18-Jähriger die deutsche Ehre gerettet. Hat er euch ein stückweit vor medialem Hagel gerettet?
Michael Neumayer: Es war sehr wichtig, dass Pascal in der ersten Saisonhälfte immer vorn dabei war und sogar aufs Treppchen sprang. Es ist einfach wichtig, dass immer einer, egal wer, vorn dabei ist, vor allem für die Presse. Es kam natürlich überraschend, dass es Pascal war - auch für ihn selbst. Wir konnten auf der Welle lange mitschwimmen und konnten in Ruhe an uns arbeiten.
back view: Zusammen mit Martin Schmitt und Andreas Wank habt ihr die Saison selbst ein wenig gerettet: Als ihr bei den Olympischen Spiele in Whistler überraschend Siber geholt habt. Habt ihr damit gerechnet?
Uhrmann: Wir konnten uns schon bei der Team-Tour vor heimischem Publikum mit dem dritten Platz und dem Sieg in Willingen Selbstvertrauen holen. Das war sehr wichtig, auch, weil es dann im Team eine unglaublich gute Stimmung gab, die wir mit nach Whistler nehmen konnten. Das heißt nicht, dass wir nur Unsinn im Kopf hatten. Wir waren sehr fokussiert auf unsere Sprünge und hoch konzentriert. In den Einzelwettkämpfen hat es ja nicht ganz geklappt, aber die Teammedaille haben wir zu Recht geholt.
back view: Du hast auf der Normalschanze nach dem ersten Durchgang auf Medaillenplatz zwei gelegen und wurdest am Ende Fünfter. Warst du zu nervös nach der ersten Runde?
Uhrmann: Es lief bei mir auf der Normalschanze von Anfang an gut und ich wusste, dass ich vorn reinspringen kann. Mein Niveau war gut, aber man muss auch anerkennen, wenn andere besser sind. Und das war hier der Fall. Ich freue mich über den fünften Platz und trauere der verpassten Chance nicht nach. Auch wenn ich nach dem vierten Platz in Turin natürlich gerne eine Einzelmedaille gewonnen hätte.
back view: Wie war das denn bei den Spielen? Was ist das besondere, dort zu sein?
Neumayer: Die Olympischen Spiele sind ja nur alle vier Jahre. Im Olympischen Dorf sind alle Sportler zusammen, die Besten der Welt. Das ist ein einzigartiges Flair. Den ganzen Winter über sieht man immer die gleichen Leute, ist immer mit der gleichen Gruppe zusammen. Bei Olympia lernt man auch andere Sportler kennen, aus verschiedenen Nationen und aus verschiedenen Sportarten. Es sind interessante Typen dabei. Das ist einfach unvergesslich. Unser Programm war leider sehr straff, aber ein paar andere Wettbewerbe konnten wir uns in den zwei sprungfreien Tagen doch anschauen.
back view: Was habt ihr euch denn angeschaut?
Neumayer: Wir waren beim Freestyle, bei den Alpinen Wettbewerben, beim Biathlon und beim Eishockey.
back view: Die Spiele standen ja harsch in der Kritik. Es gehe nur noch um das Prinzip „höher, schneller, weiter" und der Olympische Gedanke „Dabei sein ist alles" gerate in den Hintergrund. Wie habt ihr das erlebt?
Uhrmann: Wir haben von der Kritik nicht viel mitbekommen. Es kam nicht so viel im Fernsehen wie in Deutschland und wir waren auch auf uns selbst konzentriert. Aber wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Die Sportler, die bei Olympia teilnehmen, hatten diesen Traum schon als Kinder. Es sind nur die besten Sportler dort und viele trainieren genau auf dieses Event hin, um dort in Bestform zu sein. Und wenn wir ehrlich sind: Die Faszination liegt doch in der Geschwindigkeit und der Dynamik.
back view: Im Skispringen hat Simon Ammann alles dominiert. Sowohl im Gesamtweltcup, bei der Skiflug-Weltmeisterschaft als auch bei den Olympischen Spielen. Kriegt ihr manchmal Angst, wenn ihr ihn springen seht?
Neumayer: Angst nicht, aber es ist erschreckend, was Simi macht. Er zeigt uns einfach jedes Mal aufs Neue, dass wir meilenweit von ihm entfernt sind - dass alle meilenwert entfernt sind. Das muss man aber anerkennen. Er springt eben zwei Klassen besser als alle anderen - nicht nur bei den Spielen, auch danach. Da war er sogar noch ein Stück stärker. Man kann vor ihm einfach nur den Hut ziehen.
back view: Michael, du bist gegen Ende der Saison deutlich besser in Form gekommen. Hast du während der Saison was geändert?
Neumayer: Ich hatte eigentlich einen sehr guten Herbst und bin dennoch ganz schwach in den Winter gestartet. Ich war aufgeregt und hab mich irgendwie festgelaufen. Im Januar habe ich dann selbst eine Bremse gezogen und bin aus dem Weltcup raus und habe trainiert. Ab da ging es bergauf. Meine Technik hat sich wieder stabilisiert und ich habe mir Selbstvertrauen holen können. Für mich war die Team-Tour unglaublich wichtig und die Silbermedaille war natürlich ein krönender Abschluss. Auch wenn meine Leistungen danach wieder abgefallen sind.
back view: In Oslo beim letzten Weltcup der Saison war das deutsche Fiasko perfekt. Kein DSV-Adler hat das Finale erreicht. Als du als letzter Deutsche an den Start gegangen bist und auch ausgeschieden bist, hast du da schon realisiert, was gerade passiert ist?
Uhrmann: Also zuerst einmal: Das war natürlich eine richtige Watschn. Ich hab es auch sofort realisiert. Ich wusste, dass es so etwas noch nie gegeben hat - dass kein Deutscher im Finale war. Aber wir dürfen eines nicht vergessen: Drei Wochen zuvor haben genau die Athleten, die nach Oslo so in der Kritik standen, eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen geholt. Und die nimmt uns auch nach dem Ergebnis von Oslo keiner.
back view: Die Oslo-Niederlage ist also abgehakt?
Neumayer: Wir haben es mit der Einstellung: „Ist halt passiert" versucht, aber wir waren natürlich gedrückt und enttäuscht. Keiner von uns Deutschen ist mit einem Lächeln aus Oslo abgereist. Aber wir sind Sportler und solche Ergebnisse und Wettkämpfe gibt es eben auch. Zum Glück stand mit der Skiflug-WM gleich das nächste Highlight an, auf das wir uns konzentrieren mussten. Hier wollen wir ja auch körperlich und geistig fit sein.
back view: Bei der Skiflug-Weltmeisterschaft seid ihr im Team Siebter geworden. Ist das ein schlechter Abschluss für euch?
Uhrmann: Na ja, wir waren einfach gegen Ende wieder in schlechterer Form. Es war realistisch, dass wir keine Einzelmedaille holen. Es wäre gut gewesen, wenn einer in die Top Ten gekommen wäre, aber es war eher unwichtig. Im Team war es schwieriger als bei den Olympischen Spielen. Wir hätten uns natürlich eine Medaille gewünscht, aber wir haben ja die Medaille von Whistler.
back view: Ihr seid beide 31 und wahrscheinlich waren es eure letzten Spiele. Mit Pascal Bodmer am Anfang, Andreas Wank in der Mitte und Severin Freund und Richard Freitag gegen Ende der Saison tauchten endlich mal neue Skisprungnamen im Weltcup auf - auch auf dem Podest. Ist das die neue Generation, die so herbei gehofft wird?
Uhrmann: Ja, es gibt endlich eine neue Generation. Aber die mussten jetzt auch einmal kommen. Seit Jahren reden wir davon, es war jetzt also mal an der Zeit, dass Nachwuchs nachkommt. Wir können ja nicht ewig weitermachen.
back view: In dieser Saison wurden erstmals neue Regeln getestet, unter anderen hier in Planica. Es zählen nicht mehr nur Weite und Jurynoten, auch der Wind wird eingerechnet und die Startluke kann variiert werden, weil sie ebenfalls mit den anderen Punkten verrechnet wird. Für die Zuschauer kann es verwirrend sein, wenn jemand 20 Meter weiter springt, aber nicht führt. Profitiert ihr Sportler denn von dieser Regel?
Uhrmann: Die neuen Regeln sind einfach fairer. Ganz fair wird man das Skispringen nie machen können. Aber ich glaube, dass die Skepsis, die alle am Anfang hatten, inzwischen gewichen ist und das Feld dem neuen Reglement positiv entgegen sieht.
Neumayer: Ich bin davon überzeugt, dass die Wind-Gate-Regel fest kommen wird. Der internationale Skiverband FIS kann die Wettkämpfe leichter gestalten und sofort auf Bedingungen reagieren. Es wird weniger Verzögerungen und Abbrüche geben und die Gefahr ist geringer. Für uns Springer ist das positiv, da die Ergebnisse stärker leistungsbezogen sind und der Faktor Glück eher minimiert wird.
Uhrmann: Genau, es wird mit der neuen Regel wohl eher keine Überraschungssieger mehr geben, die durch einen Hauch guten Wind plötzlich nach vorn gespült werden.
Neumayer: Ich stimme zu, es wird keine Zufallssieger mehr geben. Aber die Jury darf es mit den verschiedenen Luken nicht übertreiben. Man muss sich langsam darauf einlassen und nicht zu viel variieren, sonst wird es undurchsichtig.
back view: Themenwechsel: Mitte der Saison hat Martin Schmitt sich eine Auszeit genommen und öffentlich beklagt, dass er trotz mehrstündigem, täglichem Training nur 1300 Kilokalorien Essen darf. Ähnliches steht auch in der Biographie von Janne Ahonen. Ist das Essen ein Thema für euch?
Uhrmann: Das ist eigentlich immer ein Thema. Skispringer müssen einfach leicht sein, das macht unseren Sport aus. Wer weit fliegen will, kann nicht schwer sein. Das muss man so hinnehmen. Ich hätte umgekehrt aufgrund meines Körpers ja auch kein Basketballspieler werden können. Man kann auf diese Essens-Diskussion anspringen, aber es nervt inzwischen. Ja, wir müssen aufpassen, was wir essen, aber es darf auch nicht gesundheitsgefährdend werden. Wir hungern uns nicht runter, denn vom Hungern allein fliegt auch keiner weit. Und dafür ist ja auch die BMI-Regel eingeführt worden, die noch einmal verschärft wird. Das hat Vor- und Nachteile, weil es einfach welche gibt, die von Natur aus wenig wiegen.
back view: Arbeitet ihr denn mit Ernährungsberatern zusammen?
Uhrmann: Ich nicht.
Neumayer: Ich habe einen Ernährungsberater. Ich muss aufgrund meiner Genetik eben schauen, dass ich möglichst leicht bleibe. Das fällt mir schwerer als manch anderem. Mit einem Berater geht das einfacher und ich lerne, wie ich gesund leben kann. Ich kann normal essen und trotzdem leicht bleiben. Ich esse gern, deshalb ist das nicht ganz so einfach. Da sind andere Athleten im Vorteil.
Uhrmann: Ja, da ist bei mir vielleicht die Genetik gut. Dafür hast du die Sprungkraft, die mir fehlt. Das gleicht sich also schon wieder aus.
back view: Zum Ende wünschen wir euch noch einen schönen Urlaub...
Neumayer: Urlaub wäre schön. Ich glaube, mein letzter Urlaub ist zwei Jahre her. Ich bin im Sommer ein normaler Student und studiere BWL. Vielleicht ist mal ein Wochenend-Urlaub drin, aber ansonsten muss ich lernen. Ich nehme schon im Winter keine Bücher mit, weil ich keinen Nerv und keine Zeit zum Studieren habe. Aber es ist schön, nach der Saison den Kopf noch für etwas anderes zu gebrauchen. Das Studieren ist eine positive Abwechslung zum Leistungssport.
back view: Und du? Wirst du Zeit zum Entspannen haben?
Uhrmann: Ich bin erst vor fünf Monaten noch einmal Papa geworden. Jetzt freue ich mich natürlich auf ganz viel Zeit mit meiner Familie und meinen beiden Töchtern.
back view wünscht euch beiden eine erholsame und lernstressfreie skisprungfreie Zeit und bedankt sich für das Interview.
(Interview und Foto: Miriam Keilbach)
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