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Weltenbummler / Norden 24.05.10

Oslo - 12 points

Text: Miriam Keilbach & Ute Engel

blick von festung auf hafenOslo: Austragungsort des Eurovision Song Contests und Touristenmagnet 
Nur knappe eineinhalb Flugstunden von Hamburg entfernt liegt die norwegische Hauptstadt Oslo. Sie vereint das Flair einer Metropole mit dem Charme einer Kleinstadt ohne dabei provinziell zu wirken. Doch lockt in diesem Frühsommer auch der Eurovision Song Contest. Grund genug für die beiden back view-Mitarbeiterinnen Miriam Keilbach und Ute Engel sich einmal genauer mit dem Phänomen Oslo und dem Contest auseinanderzusetzen.


Ein Land, ein Contest, ein Kandidat

Hätte, wäre, wenn. Die Norweger sind sich nicht mehr so sicher, den richtigen Artisten und vor allem den richtigen Song für den Eurovision Song Contest am kommenden Wochenende ausgewählt zu haben.

Während Didrik Solli-Tangen bei Auftritten mit Vorjahressieger Alexander Rybak auf mehr Euphorie hofft und gleichzeitig versucht, Gerüchte auszuräumen, die beiden Sänger würden sich privat nicht ausstehen können, erobert Solli-Tangens Ex-Konkurrent Björn Johan Muri die Charts. Die Norweger tänzeln lieber zu Muris typischer Grand-Prix-Melodie und singen dabei „I can't be your Yes Man. I don't wanna be your supermaaaaaaan" als zu Solli-Tangens Ballade zu knutschen.

cimg2516Dabei war Didrik Solli-Tangen von Beginn an der große Favorit, schon bei der ersten Show des „Melodi Grand Prix 2010", der nationalen Vorauswahl in Norwegen. In drei Vorrunden traten jeweils sieben Sänger und Bands gegeneinander an. Je zwei zogen direkt ins Finale ein.

Zwei weitere hatten die „Siste Sjanse", die letzte Chance, unter anderem Björn Johan Muri. Diese acht sangen noch einmal gegeneinander, im k.o.-Modus im Viertel-,  und Halbfinale. Die beiden Gewinner der Halbfinales zogen ins große Finale ein, in dem Solli-Tangen (Direktticket) vor Björn Johan Muri (Siste Sjanse) lag, der nur Vierter wurde.

Schon seit Anfang Februar steht fest, dass Didrik Solli-Tangen Norwegen beim Heimspiel in der Telenor-Arena in Fornebu, wenige Kilometer außerhalb Oslos, vertritt und das schwere Erbe von Alexander Rybak antritt, der den ESC erst nach Norwegen holte.

Rybak schaffte es kurzfristig zum Nationalheld. Inzwischen wird er wegen einiger nicht ganz intelligenter Aussagen in Interviews eher belächelt. Erst gestern schrieb er über seinen Twitter-Account wieder eine dieser Nachrichten, die die Norweger inzwischen mehr nerven als lieben: „I'm tired of your speculations, so here's the deal: I am NOT Marias, Moas or Kathrines boyfriend. That would be unfair - TO YOU! ;-) I am 110% ready for you, and I hope you feel the same ♥ And where do all these rude presents come from, girls? Please dont forget I'm an innocent and naive boy."

Jetzt setzt sich Rybak für Solli-Tangen ein und sagt, sein Freund Didrik hätte all das, was ein Superstar bräuchte. Sexappeal, Stimme, Auftreten.

cimg2511Obwohl der 22-Jährige diese Eigenschaften hat, passierte kurz nach dem Melodi-Grand-Prix-Finale etwas Eigenartiges. Nicht der Grand-Prix-Titel „My Heart Is Yours" stieg auf Rang eins der Charts. Björn Johan Muri tat es - mit seiner Single „Yes Man", bei der man nicht so genau weiß, ob das nun ein Kinder-, Ballermann- oder Poplied ist. Aber es steckt an.

Und während sie in Oslo im Solli-Tangen-Fieber sein sollten, läuft „Yes Man" rauf und runter. Es ähnelt ein wenig dem deutschen Beitrag, ist poppiger und kitschiger als Solli-Tangens Ballade. Wochenlang führte Muri die Charts an, nur in einer einzigen Woche lag der norwegische ESC-Teilnehmer vor „Yes Man" - auf Platz 1 schaffte er es gar nicht. „Yes Man" war sogar noch drei Wochen auf Rang eins, als „My Heart Is Yours" schon nicht mehr in der Top 20 gelistet wurde.

Didrik Solli-Tangen geriet dagegen vor allem aufgrund seiner Beziehung zu Alexander Rybak in die Medien. Die Aussage noch vor Solli-Tangens Sieg, sie seien seit ihrer gemeinsamen Studienzeit am Barratt Due Musikinstitut, wo Solli-Tangen klassischen Gesang studierte, gute Freunde, verlor an Aussagekraft.

Einige Äußerungen in Interviews ließen Zweifel aufkommen. Um dem beschädigten Image Abhilfe zu verschaffen, wurde zum 17. Mai, dem norwegischen Nationalfeiertag, ein gemeinsamer Auftritt arrangiert. Sie sind wieder Freunde - ganz öffentlich - und zeigen es auch.

Und während der 22-Jährige noch um Aufmerksamkeit für sein Heimspiel buhlt, ist in Norwegen längst das allgemeine Eurovision-Song-Contest-Fieber ausgebrochen. Nach 1986 in Bergen und 1996 in Oslo ist Norwegen bereits zum dritten Mal Ausrichter des ESC. Und die Medien sind voll damit.

cimg1394Abends werden in den Bars und Pubs in Oslo die Songs der teilnehmenden Nationen gespielt. Auch der von „Unserer Lena". Die wird auch in Norwegen als Favorit gehandelt. In Zeitungen wird von der Lenamania in Deutschland berichtet. Alexander Rybak machte unlängst eine Liebeserklärung: Er mag ihren Song und ihren Stil. Nur das Tanzen solle sie bitte lassen.

Eurovision Song Contest, wohin man auch sieht. Am vergangenen Wochenende spielten zwei der Finalisten des Melodi Grand Prix und einer, der seine „letzte Chance" nicht nutzte, vor hunderten Zuschauern im größten Einkaufszentrum Skandinaviens, dem Sandvika Storsenter, keine zehn Kilometer von der Telenor-Arena entfernt. 

Alexander Stenerud, der bereits dreimal beim Melodi Grand Prix antrat, eröffnete mit dem Beitrag, mit dem er gern in der Telenor-Arena gesungen hätte. Es folgten Gaute Ormåsen und Maria Haukaas Storeng, die beide wie auch Björn Johan Muri durch die norwegische Version von „Deutschland sucht den Superstar", „Idol" bekannt wurden. Das allerdings ein wenig seriöser über die Bühne geht, als man es aus Deutschland kennt.

Storeng trat vor zwei Jahren für Norwegen beim ESC an. Sie wurde mit dem Song „Hold On Be Strong" 182 Punkte und damit einen fünften Platz. Wochenlang lag sie auf Platz eins der Charts. Auch ihre aktuelle Single „Make My Day" und „Give It To Me" von Alexander Stenerud schafften es in die Top 20 der Charts.

Und obwohl in Oslo zur Zeit das Eurovision Song Contest-Fieber ausgebrochen ist, gibt es viele weitere Gründe der norwegischen Hauptstadt einen Besuch abzustatten. 

hafenpromenadeDie "kleine Hauptstadt" ganz groß
Rund 587.000 Einwohnern leben in der Kernstadt und 1.4 Millionen Menschen im Ballungsgebiet Oslos. Beachtlich ist hierbei, dass obwohl etwa ein Viertel der Landesbevölkerung in und um Oslo lebt, die Bevölkerungsdichte in Norwegen nur 12.5 Personen pro Quadratkilometer beträgt. Im Vergleich dazu Deutschland mit 229 Einwohnern pro Quadratkilometer auf nahezu gleicher territorialer Fläche.

So eine kleine Stadt hat natürlich Vorteile. An nur einem Tag lassen sich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abklappern - das kann aber ganz schön stressig werden.

Da wäre zum Beispiel im Zentrum der Stadt das Schloss, in dem die Königsfamilie lebt. Die Norweger sind sehr zufrieden mit ihrem König Harald V und ihrer Königin Sonja. Ohne Zweifel gehört auch das Kronprinzenpaar -  Haakon und Mette-Marit - zu den Lieblingen der Norweger.

Vom Schloss aus hat man einen tollen Ausblick auf Oslos einzige Prachtstraße, der „Karl Johans Gate". Hier lohnt sich auf jeden Fall ein Stop in den „United Bakeries". Die Schokocroissants sind einfach unglaublich lecker.

rathausIn nicht einmal fünf Minuten ist das Rathaus erreicht. Das gehört auf keinen Fall zu den Prachtbauten Oslos. Die einen denken beim Anblick an eine Fabrik und die anderen an einen kommunistischen Bau.

Ein Besuch lohnt sich trotzdem. Denn im Osloer Rathaus wird jedes Jahr am 10. Dezember der Friedensnobelpreis verliehen. Der amerikanische Präsident Barack Obama stattete Oslo und dem Rathaus deswegen im letzten Dezember einen Besuch ab und nahm die renommierte Auszeichnung entgegen.

Direkt hinter dem Rathaus ist der Hafen von Oslo. An der Aker Brygge liegt der Oslofjord, die Festung von Oslo und viele Restaurants an der Hafenpromenade.

Im Sommer ein unbedingtes Muss: mit den Schiffen auf eine der zahlreichen Fjordinseln fahren, den Einweggrill auspacken, „pölser" und Würstchen grillen und ein kaltes Bier dazu trinken. Übrigens gibt es in Oslo eben soviele  Sonnentage im Jahr wie in München. Und auch in Oslo sind 30 Grad im Sommer durchaus möglich, aber nicht die Regel.

Eines der wohl bekanntesten Wahrzeichen von Oslo thront hoch über der Stadt - die Skisprungschanze auf dem Holmenkollen. Erst vor kurzem wurde die neue Schanze fertig, nachdem sie Ende 2008 abgerissen worden war. 2011 finden die Skiweltmeisterschaften in Oslo statt.

Nachts ist ebenfalls einiges geboten. Für diejenigen, die den Abend gerne etwas ruhiger angehen lassen wollen, ist das Café Sœr der ideale Ort. Der Eistee ist sehr zu empfehlen. Wer auf Jazz steht sollte unbedingt dem Blå einen Besuch abstatten. Schon allein der riesige Freiluft-Kronleuchter am Eingang zieht alle Blicke auf sich.

blick von hafenpromenade auf rathausUnd um richtig zu feiern ist das Café Mono perfekt geeignet. Diese Location ist vor allem bei den Einheimischen angesagt. Kontakte mit den eher etwas schüchternen Norwegern zu knüpfen, fällt da natürlich umso leichter.

Auf den Magen schlagen in Oslo nur die Preise. Durch eine ziemlich hohe Spirituosen-Steuer ist es ganz normal für ein Bier bis zu acht oder gar zehn Euro hinzublättern. Auch das Rauchen kann man sich durch die hohen Tabak-Steuern leicht abgewöhnen.

Aber trotzdem lohnt es sich einer der grünsten Hauptstädte Europas „Hallo" zu sagen. Nicht nur der Eurovision Song Contest und die Stadt selbst sind sehenswert, sondern auch die hübschen Norweger.

(Text und Fotos: Miriam Keilbach & Ute Engel)

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