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Weltenbummler / Norden 31.05.09

Der erste Tag von Wasa

Text: Marcus Sonntag

00023sAbenteuer Skandinavien - Tag 1: Abenteuerliche Anreise
Seltsame Szenen spielten sich am Abend des 2. September auf Gleis 4 des Dresdner Hauptbahnhofs ab. Da waren kleine Gruppen von Menschen, alle umringten, so schien es, ein Mitglied der Familie, ähnlich Elefantenkühen, die ihren Nachwuchs schützend zwischen ihre Beine stellen, Tourenrucksäcke.


00006sDazwischen tippelten junge Menschen in Funktionskleidung umher - was war da los? Reisefieber. Das geübte Auge diagnostizierte es sofort. Und es hatte auch mich gepackt. Abschied am Bahnhof. Eine große Reise stand bevor, eine Reise ins Ungewisse und Neue. Ein Abenteuer in Skandinavien. Würden die eigenen Kräfte reichen? Was, wenn etwas Unvorhergesehenes dazwischen kam? Hatte man nicht am Vorabend beim Zähneputzen ein leichtes Ziehen im hinteren Backenzahn gespürt? Der Hamster vom kleinen Bruder war hochschwanger und man würde wahrscheinlich die Geburt verpassen. Und Oma hatte Geburtstag. Egal, noch drei Minuten, dann sollte der Zug nach Berlin eintreffen. Ich suchte vergeblich eine Stelle, von der aus ich mir bequem mein Rucksack-Ungetüm auf den Rücken schwingen konnte, irgendetwas erhöhtes, ein Sims, ein Geländer. Nichts. Dann kam der Zug. Nervöses Durcheinander-Gelaufe. Wo war das eigene Gepäck? Hatte ich jetzt wirklich alles eingepackt? Mutti hatte mir doch die Kohle-Tabletten noch gegeben, oder? Verabschieden mit 28kg auf dem Rücken - eine unnötige Erfindung der Menschheit. Ich komme ja wieder, scherzte ich halblaut. Die erste Überraschung folgte prompt. Um den Zug zu besteigen, musste man seinen Rucksack wieder absetzen. Ich umarmte mein rot-schwarzes Gepäck herzlich und kletterte ins Abteil. Endlich sitzen. Und während draußen Muttis weinten, Omas weiße Stofftaschentücher schwenkten und der kleine Bruder, dessen Hamster schwanger war, neben dem anfahrenden Zug herlief und winkte, zückte ich Stift und Papier und machte meine erste Notiz ins Tagebuch: „Kurz nach acht, Anreise per Zug hat begonnen, keine weiteren Vorkommnisse."

00027sSchlafwagen - gemütliche Sechserabteile
Dem anfänglichen Übermut folgte schnell die Ernüchterung. Zug fahren war doch langweilig. Ich war froh, nach zwei Stunden am Ostbahnhof in Berlin in den Nachtexpress Berlin-Malmö zu steigen. Gemütliche Sechser-Kabinen erwarteten uns. Der wenige Freiraum zwischen je drei übereinander geschachtelten Schlafpritschen wurde von sechs Mal Reisegepäck in Anspruch genommen. Etwas ungewohnt wurde ich in einen ersten Kurzschlaf gerüttelt. Ich erwachte, als der Zug auf Rügen geräuschvoll im Bauch der Fähre Sassnitz - Trelleborg verschwand und entschloss mich das Schlafabteil zu verlassen, um auf der Fähre umherzulaufen. Es war vier Uhr früh. Überall lagen schlafende Menschen in Ruheräumen. Nur in der Spielecke eines Restaurants lief ein kleiner Fernseher auf Zimmerlautstärke - es lief „Tom und Jerry".

Irgendwann, irgendwo in der Mitte der Ostsee zwischen Deutschland und Schweden, ging dann die Sonne auf. Auf fast spiegelglatter See sah ich zu, wie sie langsam ihr anfängliches glutrot in gleißendes weißgelb verwandelte. Es wurde warm und wie ein lichtscheues Wesen zog ich mich wieder in den Bauch der Fähre zurück. Nach fast 12 Stunden Reise zeigten die ersten Ermüdungserscheinungen ihre Wirkung.

In Malmö angekommen, stiegen wir das zweite Mal. Einigen Teilnehmern stand die unkonventionelle Nachtruhe ins Gesicht geschrieben. Der Rucksack war zu schwer, wir hatten Hunger, zu warm war es auch und überhaupt, wir waren noch über 800km vom ersten Zwischenziel der Reise, Stockholm, entfernt. Ich vertrieb mir die Wartezeit mit einem kleinen Spaziergang. Solche Spaziergänge zur Überbrückung von Wartezeiten sind meist wenig sinnvoll. Man fühlt sich wie ein Pauschaltourist, der in zwei Stunden alles Wichtige gesehen haben muss, um dann mit dem Bus ans nächste Ziel zu reisen. Aber Malmö war ja nicht geplant. Also lief ich über den Bahnhofsvorplatz, vorbei an ein paar Fast-Food-Restaurants, in die Altstadt hinein, schlenderte über ein paar Einkaufsstraßen und schlug wieder den Rückweg zum Bahnhof ein.

00064sCampen zwischen Neubaublocks?
Der letzte Teil der Anreise sollte am komfortabelsten ausfallen. Im X2000, dem schwedischen Schnellzug, ging es mit Tempo 200 durch den neuen Tag. Viel mitbekommen habe ich nicht. Die ungewohnte Ruhe beim Reisen geleitete die meisten Teilnehmer in einen erholsamen Schlaf. Die im Vergleich zu deutschen ICEs doch erhebliche Neigetechnik führte bei Einigen zu Übelkeit. Kurz vor Stockholm sorgte eine Reihe von Tunneln für Aufregung. Der Zug schoss mit derartig hoher Geschwindigkeit in die Röhren, dass sich nach wenigen Sekunden ein enormer Druck in den Ohren aufbaute. Alle waren wieder wach und man begann sich auf Stockholm zu freuen, der mit 1,25 Mio. Einwohnern größten Stadt Skandinaviens.
Unter den verwunderten Blicken der Passanten fuhren wir mit der U-Bahn stadtauswärts. Das Ziel hieß Bredäng. Als wir ausstiegen, verstanden wir die Verwunderung. Vor uns ragten Neubaublocks in die Höhe, auf der betonierten Straße spielten Kinder „Fang-mich". Wo sollten wir hier, 10km vor Stockholm, in diesem Neubauviertel zelten? Nach kurzem Fußmarsch steil bergan standen mir Schweißperlen auf der Stirn. Die Fragezeichen waren verschwunden, denn ein Campingplatz tat sich auf, idyllisch gelegen am Mälaren, umgeben von flachem Nadelwald. Abends konnte man von den Anhöhen die Lichter der Stadt funkeln sehen und tagsüber herrliche Waldläufe unternehmen. Einigen Mitreisenden war das egal. Sie verfluchten ihren Heldenmut und wünschten sich nach knapp 18 Stunden Anreise und 1300km Schiene, sie wären doch nach London oder Paris gefahren und würden jetzt in einer mittelmäßigen Jugendherberge sitzen. Mir war es recht so, ich begann mich mit meinen Zeltkameraden einzurichten und freute mich auf vier Tage Stockholm.

(Text und Fotos: Marcus Sonntag)

Kommentare

avatar Leoni Lux
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Wieder ein sehr schöner Bericht - gut geschrieben. Ich bin gespannt auf die folgenden Artikel :)
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avatar Trezeta
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An der URL würde ich nochmal arbeiten...
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avatar Kristin
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erledigt...da hatte es wohl jemand eilig ;) danke für den hinweis.
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