Rucksack packen und auf geht´sSchon Herrmann Hesse sagte „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen." Solche Gedanken gingen auch mir durch den Kopf, als ich am letzten Abend auf dem Zeltplatz in Stockholm der Sonne beim Untergehen zusah. Alles war in rotes Licht getaucht und in meinen Augen flimmerte die Sehnsucht nach Abenteuer. Die Tage in Stockholm hatten eine merkwürdige Kontrastierung gehabt. Während ich des Tages wie ein gewöhnlicher Tourist durch Stockholm schlenderte und an den Vorzügen eines zivilisierten Großstadtlebens teilnahm, erwartete mich des Abends der raue Charme des Zeltplatzes in Bredäng, mit Kochen im Freien, Thermoskanne und Taschenlampenatmosphäre. Man war eben doch schon auf das Nordlandtrekking eingestellt. Es wurde dafür einfach noch ein wenig geübt. Ich perfektionierte die Packlogistik meines Rucksacks. In der linken Seitentasche das Essen, in der rechten Seitentasche später das Zelt, im oberen Viertel lagerten alle Sachen des täglichen Bedarfs, im unteren Viertel würde der Schlafsack und ein paar leichte Schuhe verstaut, dazwischen alles andere, die Kulturtasche ins Deckelfach - fertig. Der Weg in den Norden sollte wie gewohnt per Zug erfolgen. Dafür saß die Gruppe wieder auf dem Bahnhof. Ich gab noch schnell ein paar Kronen für schwedische Mürbeteigkekse aus, dann kam der Zug und weiter ging die Reise - neuer Aufbruch ins Ungewisse. Um Geld zu sparen, hatten wir uns entschieden, auf Schlafkabinen zu verzichten. Die eine Nacht würde ich schon aussitzen, dachte ich mir großspurig, schließlich würde ich in den nächsten Tagen genug laufen.
Abschied von StockholmAnfangs machte es auch noch Spaß. Es wurde an kleinen Tischen Skat gespielt, andere schrieben in ihrem Reisetagebuch, ich ließ die ersten Tage Stockholm Revue passieren. Mit ihrem kühlen Charme hatte mich die größte Stadt Skandinaviens verzaubert. Die unzähligen Museen würden für einen ganzen verregneten Sommer reichen. Besonders das Moderna Museet auf der Insel Skeppsholmen, eine umfassende Sammlung moderner Kunst vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, ist einen Besuch wert. Besucher unter 18 müssen keinen Eintritt zahlen, wenn sie Originale unter anderem von Andy Warhol, Edvard Munch oder Pablo Picasso sehen wollen. Oder der Ausflug zum Käknastoret, dem Fernsehturm von Stockholm. An einem klaren Tag kann man die unzähligen Inseln und Schären in und um Stockholm erahnen, überall spiegelt sich Wasser und mit Blick gen Norden kann man ein Stückchen der Weite und Wildnis der schwedischen Wälder und Seen erahnen. Und für Abiturienten auch nicht uninteressant, der Besuch der Universität von Stockholm. In regelmäßigen Abständen werden immer wieder öffentliche Vorlesungen veranstaltet, die Unterrichtssprache ist Schwedisch und Englisch und es mag erstaunen, dass im sonst so teueren Skandinavien das Studium an der Stockholmer Universität bis auf eine geringe Semestergebühr kostenlos ist. Einzige Bedingung: flüssiges Schwedisch in Wort und Schrift.

Mittlerweile war es dunkel geworden. Vom Lichtermeer Stockholms war nichts mehr zu sehen. Der Zug machte den ersten Zwischenhalt in Uppsala und ich schaute auf die Uhr - erst eine Stunde war vergangen und bis zum Ziel der Zugfahrt lagen noch geschätzte 18 Stunden und 1300km vor mir. Das könnte eine lange Nacht werden. Irgendwann hatte jeder seine Schlafposition gefunden. Während andere sich im Sitzen versuchten, hatte ich mich für die Embryonalstellung auf einem Doppelsitz entschieden. Am nächsten Morgen erwachte ich sprichwörtlich gerädert, mein Kopf vibrierte rhythmisch an der Armlehne.
Schwedische Wildnis
Entlohnt wurde ich durch einen Blick aus dem Fenster. Hatte man jemals beim Lesen eines Reiseführers die Augen geschlossen und versucht, sich schwedische Wildnis vorzustellen; das waren ganz sicher die Bilder dazu. Lichter Nadelwald, weite Grasflächen in Erd- und Grünschattierungen, silbrig glänzende Seen- und Morastlandschaften, dazwischen immer wieder typisch rote Holzhäuschen mit weiß lackierten Planken. Aller halben Stunden kündigte Glockengeläut den nächsten unbeschrankten Bahnübergang an. Die Morgensonne schien in die Landschaft und zauberte längliche Schatten. In lang gezogenen Kurven konnte ich die Diesellok erblicken, wie sie rastlos schnaufend gen Norden zu stampfen schien. Ohne Frage, ich hatte die Zivilisation verlassen. Die Fahrt führte entlang des Bottnischen Meerbusens bis nach Lulea, von da ab dann ins Landesinnere über Boden und Kiruna nach Abisko, dem Ziel der Reise. Von hier waren es keine 40km mehr bis zur norwegischen Grenze.

Unterwegs waren die Bäume kleiner und die Landschaft samt Vegetation deutlich karger und lebensfeindlicher geworden. Am Himmel hing eine dicke Suppe aus schweren, regengrauen Wolken. Am Horizont türmten sich die ersten schneebedeckten Gipfel des Skandinavischen Gebirges auf und mich beschlichen unangenehme Vorahnungen. Mein von spätsommerlichen Temperaturen in Stockholm verweichlichtes Gemüt begann beim Anblick der Landschaft unwillkürlich zu frieren. Im Zug mit uns saßen immer noch normale Menschen, ich fragte sich, wohin die wollten. Wahrscheinlich zum Nordpol oder nach Spitzbergen. Kurz vor Jokkmokk nach 1036km Schiene hatten wir im Zug bereits den nördlichen Polarkreis überquert. Dann war es soweit - nächster Halt: Abisko - das Ende der bequemen Zugfahrt und der Beginn der Trekkingtour standen unmittelbar bevor. Jeder hatte sich winterlich gekleidet. Auf guten Rat unseres Begleiters hatte ich auch Handschuhe, Mütze und Schal parat, aber noch wollte ich nicht so richtig glauben, dass es wirklich so kalt sein würde. Es war immerhin Anfang September und vor 24 Stunden war ich noch kurzärmlig durch Stockholm geschlendert. Als der Zug weiterratterte und die Gruppe langsam die Stille des Abisko Nationalparks umfing, hatte ich bereits alles angezogen, was gegen Kälte und Wind zu schützen schien. Meinem Rucksack gönnte ich eine Regenhülle - gegen unangenehmen Sprühregen. Das war also der Auftakt. Ich hatte es mir romantischer vorgestellt, aber 25kg Gepäck waren 25kg Gepäck und nasse Kälte ist generell eher weniger romantisch.
Als es zu dämmern anfing, wurde ein Lagerplatz für die Nacht gesucht. Man baute seine Zelte auf, man klaubte Totholz für ein wärmendes Feuer zusammen, man bereitete Mahlzeiten vor und mancher saß auch ergriffen von Regungslosigkeit auf seinem Rucksack und es schien als würde da gerade mit Gott und dem eigenen Schicksal gehadert.
Später am Abend kam dann doch noch so etwas wie Lagerfeuer-Romantik auf. Ich war satt, hatte mich so einigermaßen für die erste Nacht eingerichtet und mit Spannung wurde zum Knistern der Feuers der nächste Tag besprochen.
(Text und Fotos: Marcus Sonntag)
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