back view Schrift

Weltenbummler / Norden 06.07.09

Läppischer Winter – Wandern im Abisko-Nationalpark

Text: Marcus Sonntag

tag 7 bild 3
Abenteuer Skandinavien: Tag 7 bis 10 - Das Wandern ist des Müllers (Un-)Lust
Auf der Zugfahrt in die schwedische Polarregion wurde mir bewusst, dass in Lappland der Winter unter Umständen schon im September beginnt. Auf einer Trekkingtour durch den Abisko-Nationalpark sollte ich dies nun am eigenen Leibe erfahren. Wenigstens keine Mücken sollte die gute Nachricht sein - aber was war dann die schlechte?


Als ich am ersten Morgen der Wanderung durchs schwedisch-norwegische Fjäll meine Augen aufschlug, konnte ich mir die Frage selbst beantworten. Schwere Tropfen prasselten auf mein Zeltdach, dazu 5 Grad Celsius. Culex vulgaris, besser bekannt unter der Bezeichnung „Gemeine Stechmücke", sollte mir und meinen Reisegefährten in den nächsten Tagen also erspart bleiben - dafür dieses Sauwetter. Ich fragte mich, ob ich noch träume, ich sog die nasskalte Luft durch die Nüstern und zog einen Arm aus dem Schlafsack. Was war das? Warum war es hier so feucht auf dem Zeltboden? Hatte etwa einer meiner Zeltkameraden... - ein Ellenbogenstoß in die Rippen riss mich aus meinen Gedanken: „Der verdammte Zeltboden ist nicht dicht!" Bei dem Wetter könnte das ja lustig werden. Nach einer halben Stunde stiller Arbeit, klammen Fingern und durch ein spärliches Frühstück gestärkt, stand ich abmarschbereit an der erloschenen Feuerstelle. Ich unterzog mein Gesicht einer Regendusche, dann ging es los.


tag 7 bild 1 iiKöniglich wandern?
Die Tour führte anfangs entlang des „Kungsleden", zu deutsch „Königspfad". Dieser legendäre Wanderweg startet in Abisko und führt über 440km durch mehrere Nationalparks. Wahrlich königlich ist der Weg nicht gerade. Schmale, glitschig-nasse Holzplanken führen als Bohlenwege über die schwedischen Moose, Sträucher, Moore und Flechten hinweg. Hin und wieder überspannen Hängebrücken reißende Bäche und Flüsse. Im nicht enden wollenden Landregen schlängelte sich die Gruppe und ich durch den halbhohen Bewuchs aus Krüppelkiefern und Birken entlang des Sees Torneträsk. Immer wieder sorgten riesige Speisepilze entlang des Weges für Aufsehen. Wie gerne hätte ich mir zum Mittag eine warme Pilzpfanne gegönnt. Aber wohin damit, mein Rucksack war zum Bersten gefühlt, seitlich wölbte sich ein feuchter Klumpen nach außen - das Zelt. Gegen Nachmittag, es schien schon zu dämmern, kehrte ich in eine bewirtete Schutzhütte ein, um wenigstens Zelt und Schlafsack für die nächste Nacht zu trocknen. Dort ergatterte ich zwei große blaue Mülltüten, mein neuer Zeltboden gegen Nässe. Gegen Abend wurde das Wetter zunehmend schlechter. Es war trüb und düster, nass und kalt und die Moral der Truppe sank auf einen Tiefpunkt. Kein Blick blieb für die malerisch gefärbten Birkenhaine oder kleinen Bäche, die sich ihren Weg durch die dichte Bodenvegetation suchten. Ob der aufkeimenden Unlust half nur das Absingen von deutschen Volksliedern und sonstigen Gassenhauern. Hölle, Hölle, Hölle.

tag 7 bild 4Schlafplatz, Nahrung, Wasser
Am nächsten Morgen sollte sich das Wetter bessern. Dem vorigen Abend trauerte keiner nach. Im Stockdunkeln waren bei Wind und Regen die Zelte in unwegsamem Gelände aufgebaut wurden, das Abendessen fiel ins Wasser; hier zahlte sich die Übung vom Zeltplatz in Stockholm aus. Ich hatte in der Eile die kalte Feuerstelle direkt vor meinem Eingang übersehen. Halb so wild. Die Sonne schien und ergoss ihre Strahlen großzügig über das Fjäll. Bis zum Horizont zeigten sich abertausende, laubgefärbte Birken, in einem Urstromtal schlängelte sich ein durch den Regen angeschwollener reißender Strom, gespeist von Gletscherwasser dahin, dazwischen setzten sich immer wieder braune Moos- und Morastlandschaften durch. Doch die Idylle währte nicht lange. In bester Aprilmanier schickten Stürme massive Wolkenbänke samt Platzregen und Hagel über die Berge und durch die Täler. Die Gruppe legte einen Ruhetag ein und ich verbrachte wahlweise die Stunden in der umgebenden Natur oder im Zelt. Am Abend wurden alle Teilnehmer zu einer Lagebesprechung einberufen. Das Wetter sollte sich stabilisieren und man entschied sich für eine große Tour mit einem Abstecher ins Skandinavische Gebirge. Mit den ersten Sonnenstrahlen wurden am nächsten Morgen die Zelte abgebrochen. Es stand ein langer Tag bevor, immer entlang des Urstromtals mit einer kleinen Passüberquerung am Ende Übernachten im Gebirge nahe einer Schutzhütte. Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Vergnügt wanderte ich bei trockenem, teilweise sonnigem Wetter dahin, immer mit Abstand zum Ende der Gruppe, um auch mal den Blick von den Hacken des Vordermanns zu heben und schweifen lassen zu können. Vereinzelt sah ich in der Ferne kleine Rentierherden durch das Tal ziehen. Seit zwei Tagen waren wir keiner Menschenseele mehr begegnet. Ich fühlte mich frei in dieser weiten Stille und genoss die klare, kalte Luft. Hier beginnt man das Leben auf das Existenzielle zu reduzieren, Schlafplatz, Nahrung, Wasser und man genießt die entspannende Einsamkeit.

tag 7 bild 2Ein Ensemble aus Stein und Schnee
Der letzte Teil dieses Tages sollte weniger entspannend werden. Es dunkelte bereits, als es steil bergan und irgendwie querfeldein ging. Die Baumgrenze bei 900m war schon überwunden, als eine kurze Verschnaufpause eingelegt wurde und ein erster Schneesturm über das Skandinavische Gebirge fegte, der das schmutzige Grün und Grau der kargen, steinigen Vegetation mit seichtem Weiß überzog. Jetzt ging es an die Substanz. Der Tag steckte mir gehörig in den Beinen, ein Hungerast kündigte sich an und weit und breit war keine Schutzhütte in Sicht. Irgendwann, am Horizont, zwischen Steinen, Schnee und dürftigem Grün, ein schwarzer Punkt - na endlich. Nach einem letzten steilen Anstieg stand ich vor einer 16qm großen Holzhütte, wie aus dem Baumarkt, vom Wetter und der Kälte außen stark verwittert, innen schlicht, mit Ofen und Kochstelle. Wanderherz, was willst du mehr. In unmittelbarer Nähe der Hütte baute ich mein Zelt auf, die Heringe wurden mit den bloßen Händen in den Boden gedrückt, die von der Kälte tauben Finger taten erst nachher wieder weh. Am nächsten Morgen war das Zelt eingeschneit, obwohl ich mit langen Sachen, Schal und Mütze geschlafen hatte, war mir kalt geworden. In der klaren Nacht war das Thermometer in den zweistelligen Bereich unter Null gefallen. Freiwillig länger liegen blieb an diesem Morgen keiner, unfreiwillig auch nicht. Ich betrachtete die Landschaft bei Tageslicht. Vergessen war das Urstromtal und die Birkenhaine, vorherrschend waren Schnee, Steine und kaltes Wasser. Vegetation - bis auf Moose und Gräser Fehlanzeige. Auch vergessen waren die Strapazen des Vorabends. Vor mir lagen nun zwei Tage Gebirgswandern, jede Menge Schnee und der Ausblick auf Rückkehr in die Zivilisation.

(Text & Fotos: Marcus Sonntag)

Kommentare

B
i
u
Quote
Code
List
List item
URL
Name *
E-Mail (für Bestätigungen & Antworten)
URL
Code   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Kommentar abschicken
bleibt in kontakt mit back view

google-logo-plus-0fbe8f0119f4a902429a5991af5db563
meinvztwitter_
© 2007-2012 back view