Weltenbummler /
Norden
26.07.09
Text:
Marcus Sonntag
Abenteuer Skandinavien: Tag 11 bis 16 - Das Erste, wenn ich wieder zu Hause bin?
Seit knapp zwei Wochen zog ich nun mit Rucksack durch Schweden und das Ende der Reise rückte immer näher. Noch auf dem Plan: Heil aus dem Gebirge kommen, Narvik, Kiruna und die Umsetzung der Antwort auf die Frage, welche ich mir schon seit dem ersten Morgen - Erwachen bei Dauerregen im Zelt - stellte: Was werde ich zuallererst machen, wenn ich wieder zu Hause bin?
Schneesturm in der skandinavischen SteintundraWer hat eigentlich den Schneesturm erfunden? War das dieser Petrus, von dem ich in den letzten Tagen immer wieder reden gehört hatte? Oder doch die letzte Mathelehrerin, als Revanche für all die verpatzen Formeln und Gleichungen während der Schulzeit? Ich konnte die Frage nicht beantworten, aber die Schneeflocken hagelten weiter unaufhörlich von vorn in mein Gesicht, wo sie langsam zerschmolzen und als kleine Rinnsäle den Weg hinab in meinen Kragen fanden. Der nasse Schal wärmte bei dem schneidenden Wind nur noch erbärmlich. Meine Wanderstiefel hatten sich nach fünf Tagen endlich entschieden und gewährten wohlwollend einer klitzekleinen Menge Wasser Einlass. Da halfen auch Markenmembran und Imprägnierung

nichts mehr. Das Material war an seiner Belastungsgrenze. Wenigstens meine Outdoorjacke quittierte noch nicht den Dienst und meine mittlerweile durchnässten Snowboardhandschuhe wärmten trotzdem noch. Wie sehr sehnte ich mich nach den Tagen im Urstromtal zurück, nach dem Sommer, nach Stockholm oder nach einer nicht enden wollenden Zugfahrt. Alles vergebens. Ich schlängelte mich mit einer Gruppe abenteuerlustiger Abiturienten im September durchs Skandinavische Gebirge im Grenzgebiet zwischen Schweden und Norwegen. Nein, wir waren keine Schmuggler aus dem Baltikum oder Lebensmüde aus Amerika; wir waren freiwillig hierher gekommen und bis der Schneesturm anfing hatte ich es auch noch genossen. Die klare kalte Luft schien so unglaublich rein, der Himmel so stahlblau und tief wie noch nirgends zuvor gesehen und die karge Natur bestehend aus Stein, Schneeresten und spiegelglatten, eiskalten Bergseen so elegant wie eine Designerküche. Dann kam der Wetterwechsel und ich wünschte mir, wir wären an diesem einen Morgen, dem letzten im Gebirge, nie von der Schutzhütte in Richtung Zivilisation aufgebrochen.
Wie es den anderen ging, konnte ich nicht mehr feststellen, alles was ich sah, waren die Füße meines Vordermannes, wie sie durch knöcheltiefen Schnee stapften, vorbei an Bächen, Seen, Steinwänden, Felsvorsprüngen. Es schien kein Weg zu existieren, wir liefen über ein wild zusammen gewürfeltes Feld wahllos ineinander verkeilter, eingeschneiter Steinblöcke (dass dies nicht ganz ungefährlich war, hat mir unser Guide später bei ein paar Bier eingestanden). Für den Moment jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass zumindest besagter erfahrener Begleiter einen Plan zu haben schien, wo es lang geht. Der mit roten Kreuzen markierte Weg war trotz Schneegestöber gut erkennbar, was allerdings jeweils zwischen den Kreuzen lag, war Schicksal...oder Glück. Alle überlebten diesen als ultimative Herausforderung kurz vor Ende des Trekkings empfundenen Schneesturm. Aber die ultimativste Prüfung sollte noch bevor stehen. Was tags zuvor mit Knöcheltiefe angefangen hatte, reichte an diesem Tag, dem Schneefall sei dank, bis zur Kniekehle - eine weitere Flussdurchquerung.
Kneipp-Kur auf Schwedisch
Die ersten zogen sich schon wieder die Hosen, Socken und Schuhe aus, da wurde noch nach der Stelle mit der geringsten Strömung gesucht. Dann hieß es - Bauchgurte auf und durch. Bauchgurte auf, um im Fall eines Sturzes vom Gewicht des Gepäcks nicht unter Wasser gezogen zu werden. Da hatte ich entschieden was dagegen, obwohl ich auch mein Gepäck nicht untergehen lassen wollte. Mitten im Fluss, das eisige Wasser massierte mir gerade die Kniescheiben, wäre es beinahe passiert. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, ein kleiner, glitschiger Stein, den man mit seinen tauben Füßen nicht gespürt hat und das Gleichgewicht ging flöten. Ich fiel nach vorn und wie von Zauberhand gelenkt erblickte ich unter Wasser einen großen Stein. Ich stützte mich mit der Hand ab, Wasser strömte um mein Handgelenk, ich spürte, wie mich etwas von links hielt - unser Bergführer stand neben mir und grinste, grad noch mal gut gegangen. Ich hatte mich schon mit einer Bauchlandung im kühlen Nass und dem anschließenden Kältetod angefreundet. Als meine Füße wieder komplett durchblutet waren, ein weiterer Schneesturm und eine unfreiwillige Pause in einer winzigen Schutzhütte lagen hinter mir, waren es noch zwei Stunden bis zum Ziel. Ein lang gestrecktes Tal führte hinaus aus dem Gebirge, hinter uns eingeschneite Steinmassen, vor uns der Blick in die Zivilisation. Wir sahen einzelne Waldhäuschen und eine Zugschiene, zwischen dem Schnee lugten vereinzelt schüchterne Gräser und Sträucher der Bergtundra hervor. Ein breiter, befahrbarer Weg zur „Katterjakk Turiststation" sollte für jeden Teilnehmer zur persönlichen Tour d´Honeur werden. Man hatte es geschafft, ich hatte es geschafft. Dem Gebirge, dem Wetter und allen Elementen getrotzt, länger Stand gehalten als das Material, unter Hunger und körperlichen Strapazen immer weitergelaufen und dem inneren Schweinehund eine Lektion erteilt. Ich zerfloss förmlich in der Sauna, erquickte mich unter den warmen Strahlen der Dusche und schlief die Nacht wie ein König in den kleinen weichen Kojen der Herberge. Am nächsten Morgen, völlig ungewohnt, lief ich über asphaltierten Boden zur Bahnstation und stieg in den Zug von Riksgränsen nach Narvik. Wir checkten auf einem konventionellen Zeltplatz der kleinen norwegischen Hafenstadt ein. Die Zeltplatzküche erschien uns wie dekadenter Luxus. Wir waren schließlich härteres gewöhnt.
Rauer Charme am Ofotfjord
Narvik hat nicht viel zu bieten, außer der malerischen Lage am Ofotfjord und meistens schlechtem Wetter, wobei, aber das hatten wir ja schon mal, schlechtes Wetter relativ ist. Nach einer Besichtigung des Erzhafens, von wo Eisenerz aus dem schwedischen Kiruna in alle Welt verschifft wird, führte mich mein Weg auf den Spuren deutscher Geschichte in das Widerstandsmuseum gegen den Nationalsozialismus. Nicht nur für Interessierte der Seeschlachten im Ofotfjord, sondern auch für einen Gesamtüberblick zum Widerstand Norwegens gegen die Aggressionen des Dritten Reichs und der Rolle Russlands auf finnischer Seite ist das Museum sehr zu empfehlen. Die Abende auf dem Zeltplatz wurden in der Zeltplatzküche verbracht. Ich hatte mir in einem kleinen Fischladen für einen stattlichen Preis, fangfrisch direkt aus dem Atlantik, Seelachskotelett und Shrimps gegönnt; die Vitamine dazu kamen nicht ganz stilecht aus Obstkonserven, andere füllten die Energiespeicher mit Pizza und Softdrinks wieder auf. Am Abend folgte die metaphorische Erleuchtung im Hohen Norden. Aurora Borealis, auch bekannt als Nordlicht, flimmerte schwach grünlich über dem nachtschwarzen Ofotfjord. Andächtig stand ich am Ufer und starrte in den Himmel. Was sollte ich noch alles erleben auf dieser Reise - Zelten bei Dauerregen, eine Passüberquerung bei einbrechender Dämmerung, Flussdurchquerungen bei einstelliger Wassertemperatur, wilde Rentiere, Schneestürme im Skandinavischen Gebirge und jetzt auch noch Polarlichter. Ich war selig.
Fast zu Hause
Zwei Superlative sollten aber noch kommen. Und natürlich meine erste Handlung, zurück im trauten Heim. Am Morgen des 14. Tages rollte ich vorerst zum letzten Mal meinen Schlafsack zusammen und packte mein Ränzlein. Mit dem Zug, wie gewohnt, wurde die Heimfahrt angetreten - die wohl längste Heimfahrt der Welt - damit die 46 Stunden im Zug ein wenig erträglicher wurden, sollte noch einmal Halt gemacht werden. Kiruna und die Besichtigung der größten Eisenerzmine der Welt waren geplant. Mit Bussen wurden wir in eine unterirdische Schaumine gefahren, wo geführte Touren den Abbau und die Weiterverarbeitung des Eisenerzes anschaulich erklärten. Das unterirdische Straßennetz ist ausgebaut wie moderne Autobahntunnel - Straßenschilder, Lichter, Toiletten, Ruheräume und so breite Straßen, dass sich problemlos zwei Reisebusse begegnen können. Zum Schluss konnte sich jeder aus nachgebildeten Erzcontainern sein persönliches Souvenir heraussuchen, in Form von Eisenerzpellets oder unverarbeitetem Eisenerz. Ähnlich wie auf der Hinfahrt in Malmö, war auch die Stadtbesichtigung von Kiruna eher vom Zufall bestimmt. Wahllos irrte ich durch die Straßen der 18000-Einwohner-Stadt. Auf einem kleinen Hügel, zu Füßen der Stadtkirche blickte ich über das flache Land, die Sonne stand tief und ich fühlte mich sehr weit weg von zu Hause - 2500 Kilometer, um genau zu sein. Dann stieg ich in den Zug und alles ging rückwärts - 1200 Kilometer bis Stockholm, 4 Stunden Wartezeit, 600 Kilometer mit dem X2000 bis Malmö, dazwischen Tag und Nacht. Dann ein neuer Zug - Nachtexpress Malmö - Berlin, 500 Kilometer, dazwischen die Fähre. Es wurde wieder Nacht und ein neuer Zug. Schließlich, am Morgen des 16. Tages, die letzte Etappe - Berlin - Dresden, 200km und dann hieß es: endlich daheim, unendlich geschafft! Ich hatte Schweden erfahren, auf einer Reise der Gegensätze und Superlative und neben den ganzen Klischees von Skandinavien und dem Hohen Norden existierte nun ein reichhaltiger Schatz an eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen. Und ich hatte eine neue Leidenschaft entdeckt - Trekkingtouren mit Zelt und Rucksack.
Ach ja, eins wäre noch zu klären... ich kam zu Hause an und als allererstes warf ich vorfreudig einen genüsslichen Blick in den gefüllten Kühlschrank und nahm anschließend ein wohltuendes Bad. Jetzt war ich endgültig wieder in der Zivilisation angekommen.
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