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Weltenbummler / Norden 14.08.09

Mit Fahrrädern die Welt retten

Text: Anna Franz

gustav_elin_ottolindstamEine Radtour von Stockholm nach Lissabon
„Let's save the world" - das ist das Motto von Gustav Lorenz und Elin Bandmann aus Stockholm. Sie wollen die Welt nicht irgendwie retten, sondern mit dem Fahrrad. Zusammen leiten sie die NGO „cykeleffekten" (etwa: Fahrrad-Effekte) und hatten in den letzten drei Monaten ein ganz besonderes Projekt: Vom 16. April bis 12. Juni radelten sie von Stockholm nach Lissabon, zwischen 100 und 120 km pro Tag, 6 Tage die Woche im Sattel.


Ihr Ziel: Sich anzuschauen, wie andere Städte mit Fahrradfahrern umgehen, und schließlich Stockholm fahrradfreundlicher zu machen. Dabei sind sie keine Rad-Profis. „In den ersten Wochen tat uns ordentlich der Hintern weh", gibt Elin zu. In manchen Städten wie Kopenhagen, Brüssel oder Münster gönnten sie sich zwei bis drei Tage Rast.
Die 24-Jährige hat gerade ihre letzten Uni-Prüfungen hinter sich und ist nun Lehrerin für Sport, Schwedisch und Englisch in einer Grundschule. Auch der 29-jährige Gustav ist Sport-Lehrer in Stockholm. Backview konnte Elin ein paar Fragen stellen, die sie kurzerhand für Gustav mit beantwortete.

elinIhr seid jetzt zurück in Stockholm - seid ihr mit dem Flugzeug zurück geflogen?
Ursprünglich wollten wir mit dem Zug zurückfahren, aber leider mussten wir dann doch fliegen. In Lissabon war es unmöglich, eine vernünftige Zugverbindung zu finden. In Schnellzüge in Europa darf man keine Fahrräder mitnehmen, also müsste man die Räder komplett auseinander bauen und in eine Box packen. Im Endeffekt hat auch das Geld eine Rolle gespielt. Es ist nicht nur viel aufwendiger, sondern auch sehr viel teurer, mit dem Zug zu fahren als zu fliegen, das ist doch verrückt! Es wäre toll, wenn die Länder in Europa auch in der Hinsicht miteinander kooperieren könnten, so dass es billiger und leichter wird, mit dem Zug zu fahren.

Wie habt ihr euch auf die Strapazen der Reise vorbereitet? Habt ihr schon ähnliche Fahrten unternommen?
Um ehrlich zu sein, haben wir uns gar nicht groß auf irgendwelche Schwierigkeiten vorbereitet. Man kann ja auch nicht auf alles vorbereitet sein, Krankheit zum Beispiel. Wir haben versucht, immer genug zu essen und zu schlafen. Gustav hat letztes Jahr schon eine ähnliche Tour durch Schweden gemacht, und ich reise viel.

gustavIm Jahr 2008 habt ihr die Organisation „cykeleffekten" gegründet. Woher kam die Idee?
„Cykeleffekten" besteht aus uns, und wir werden von unseren Sponsoren und der Universität Stockholm unterstützt. Die Idee kam sowohl durch persönliche Überzeugung als auch durch Vorlesungen an der Uni. Ich war schon immer an Nachhaltigkeit interessiert. Als ich meine Bachelor-Arbeit schrieb, machte Gustav gerade seine erste Cykeleffekten Fahrrad-Tour durch Schweden. Zufällig hatten wir den gleichen Betreuer, einen Forscher im Gebiet Natur, Fortbewegung und Gesundheit. Er machte uns miteinander bekannt und dann schlug Gustav mir vor, bei dem Projekt „cykeleffekten" einzusteigen.

Ihr habt zwei Monate Urlaub für die Tour bekommen. Gab es Probleme mit euren Chefs oder haben sie euch unterstützt?
Ich hatte zum Glück sehr flexible Arbeitszeiten. Meine Arbeitgeber haben mich sehr gut unterstützt und das ganze Büro hat meinen Blog gelesen. Bei Gustav war es genauso. Außerdem wird er wohl seinen Job kündigen, weil er im Herbst mit seinem Master anfängt.

Ihr seid ja von Stockholm nach Lissabon gefahren, um Stockholm schließlich Fahrrad-freundlicher zu machen. Habt ihr besonders fahrradfreundliche Städte besichtigt? Oder alle großen Städte auf dem Weg?
Ein paar Städte wollten wir auf jeden Fall besuchen, manche aus Neugier - Brüssel, Paris -, und manche, weil sie für die Fahrradfreundlichkeit bekannt waren - Kopenhagen, Münster oder Amsterdam. In den weniger fahrradfreundlichen Städten konnten wir auch eine Menge lernen.

Welche Unterschiede für Fahrradfahrer sind euch denn in den verschiedenen Ländern aufgefallen?
Als wir über die Grenze zwischen Deutschland und Holland kamen, wurden die Fahrradwege einen Meter breiter. Es gibt auch viele nationale Differenzen bei der Einstellung der Autofahrer. In Deutschland und Holland haben wir eine besondere Beobachtung gemacht: Es gibt ja Fahrrad-Wege entlang der Straßen und Autofahrer werden verrückt, wenn man statt dessen auf der Straße fährt. In Frankreich zum Beispiel, wo es keine Fahrradwege gibt, sind die Autofahrer viel gelassener. In Spanien und Portugal schienen Fahrradfahrer etwas ganz exotisches zu sein. Ich bin überrascht, dass wir nicht öfter angehupt wurden. An manchen Stellen würde ich sagen, dass die Auto-Freundlichkeit die Fahrrad-Freundlichkeit hundertfach übersteigt, Lissabon zum Beispiel. Portugal war schon echt eine Herausforderung zum Fahrradfahren...
Abgesehen von den Fahrradwegen in Deutschland ist es noch immer ein ziemlich autofreundliches Land.
Fahrradfreundlichkeit ist eine Kombination aus sicherer Infrastruktur für Radfahrer und Arbeit mit der Einstellung der Leute. Vielleicht muss man dazu die Städte erstmal autofeindlicher machen. In Amsterdam zum Beispiel kostet ein Parkplatz fünf Euro die Stunde und es gibt sehr viele Einbahn-Straßen. Lauter so kleine Sachen, die dafür sorgen, dass die Leute lieber das Fahrrad nehmen als das Auto. Fahrradfahren muss leicht und vorteilhaft sein. Das ist es ja, die Leute müssen sich nur darüber klar werden. Und je mehr Fahrradfahrer es gibt, umso sicherer ist es auch, Fahrrad zu fahren.

schweden_malmWas fehlt denn in Stockholm für Fahrradfahrer?
Ein Hauptgrund ist sicher, dass sich die Leute in Stockholm nicht sicher fühlen, wenn sie Fahrrad fahren. Das ist ein großes Hindernis. Häufig gibt es nur sehr schmale Radwege, die nicht vom Straßenverkehr getrennt sind, und viele Fußgänger laufen einfach über die Radwege drüber, ohne sich umzuschauen. Es sollte definitiv erlaubt sein, in Einbahnstraßen Fahrrad zu fahren, so wie in fast allen anderen Ländern, durch die wir gekommen sind. Außerdem sollten Fahrradwege besser gekennzeichnet sein. In Amsterdam und Kopenhagen sind sie zum Beispiel rot oder grün gefärbt.
In Stockholm fehlt auch das Bewusstsein den Fahrrädern gegenüber. Autos parken oft auf den Fahrradwegen. Das zwingt die Fahrradfahrer dann auf die Straße und sie landen vor oder zwischen fahrenden Autos - das ist nicht ok. Andererseits, verglichen mit Lissabon oder Brüssel, ist Fahrradfahren in Stockholm das reinste Kinderspiel.
Stockholm hat sehr gute öffentliche Verkehrsmittel. Es wäre toll, Fahrrad und Busfahren kombinieren zu können. Wenn man zum Beispiel abends das Fahrrad einfach in den Zug oder Bus mitnehmen könnte, wenn man nach Hause fährt. Außerdem sollten alle Zuggesellschaften in Schweden Fahrräder in Regionalbahnen erlauben - in vielen anderen europäischen Ländern ist das schließlich auch so.

Im Großen und Ganzen denken wir, dass die Politiker Fahrradfahren als wichtiges Thema anerkennen sollten. Und zwar sowohl für das Gesundheitswesen, als auch für die Bereiche Umwelt und Verkehr. Jeder in der Gesellschaft profitiert von einer Fahrrad fahrenden Bevölkerung.

promenade_mnsterIhr seid auch durch Münster gefahren, bekannt als „die" Fahrradstadt Deutschlands. Wie hat es euch gefallen?
Das war ganz lustig, wir hatten vorher nur etwas über die Stadt gehört und im Internet gelesen, und Gustav war etwas skeptisch, von wegen „was soll schon so besonders sein an Münster?". Als wir ankamen, haben wir erstmal alles aus einem sehr kritischen und auch neugierigen Blickwinkel betrachtet - und sind sofort dahingeschmolzen!
Der Vorteil von Münster ist dieses Fahrrad-Bewusstsein. Wir waren überrascht, wie viele das Fahrrad einfach als normales Fortbewegungsmittel benutzen, und nicht nur, um Sport zu treiben. Die Münsteraner machen es den Radlern leicht, indem sie etwa Fahrrad-Stationen aufbauen. Es gibt auch viele Gründe, die für das Fahrrad und gegen das Auto sprechen: Diese Fahrrad-Straßen, wo sich die Autos dem Tempo der Fahrradfahrer anpassen müssen, sind super. Und die Promenade ist sehr schön (begrünter Stadtring nur für Fahrräder und Fußgänger, Anmerkung der Redaktion).

Einige Umstände haben Münster sicher geholfen, so fahrradfreundlich zu werden: da ist zum einen die große Studenten-Zahl. (Studenten nehmen eher das Fahrrad) und die Struktur der Stadt: In den Sechzigern konnten es sich die Planer nicht leisten, die Stadt neu zu gestalten und haben die Straßen in der Stadtmitte nicht vergrößert. Trotzdem bauten sie viele Fahrradwege, um die Radfahrer von der Straße herunter zu bekommen, damit die Autos mehr Platz hatten. Viele andere Städte, Brüssel zum Beispiel, sind in der Zeit sehr autofreundlich geworden, haben sehr breite Straßen in der Innenstadt gebaut und die Fahrradwege übergangen. Was zurzeit in Münster vorgeht, ist sehr beeindruckend. Die Einstellung der Politiker bzw. Bürgermeister ist vorbildlich. Sie sind sich bewusst, wie viele Vorteile das Fahrradfahren mit sich bringt. Genau das wollen wir in Schweden realisieren.

Durch welche deutschen Städte seid ihr noch gefahren? Was war dort euer Eindruck?
Schweden, die noch nie in Deutschland waren (oder nur mit dem Auto durchgefahren sind), sehen in Deutschland nur zwei Sachen: Autobahn und Industrie... Traurig, traurig! Viele haben uns gefragt: „WIE kommt ihr denn darauf, durch Deutschland Fahrrad zu fahren? Ihr seid wohl nicht mehr ganz dicht??"
Aber im Endeffekt war es sehr grün und es gab häufig Fahrradwege an den Bundesstraßen - obwohl einige davon eine Renovierung vertragen könnten. In Hamburg gibt es eine alternative Fahrrad-Szene, viele Fahrrad-Kuriere. Wir haben uns gefragt, warum sie die Fahrradwege dort wohl aus Kopfsteinpflaster und nicht aus Asphalt machen...? Das ist doch ein viel größerer Aufwand und holprig beim Fahrradfahren! Wir haben noch keine Antwort darauf gefunden... Einmal wurden wir von der Fahrrad-Polizei angehalten, weil wir den Fahrradweg auf der falschen Seite benutzt haben. Aber wir sind noch einmal so davon gekommen - eigentlich waren wir ganz froh über die Polizei, wir hatten uns nämlich verfahren und sie konnten uns weiterhelfen!
In Bremen haben wir gar nicht so viel von der Stadt gesehen. Ich erinnere mich nur, dass man ständig an den Ampeln auf einen Knopf drücken musste, sonst wurden sie nicht umgeschaltet und man konnte ewig davor warten. Aber wir haben bei Torsten übernachtet, einem Studenten, der überallhin mit dem Fahrrad fuhr. Als wir weiterzogen, fuhr er an dem Tag zu einem Freund nach Osnabrück - mit dem Fahrrad!

bikepolice_amsterdamWie lief eigentlich euer Tag ab, wenn ihr in einer Stadt ankamt? Wie konntet ihr herausfinden, wie fahrradfreundlich eine Stadt wirklich ist? Habt ihr den Bürgermeister getroffen oder die Leute auf der Straße befragt?
In Münster hatten wir das Glück, den Städteplaner Stefan Böhmer zu treffen. Er hat uns erklärt, an welchen Stellen im Moment in der Stadt gearbeitet wird. Außerdem haben wir bei einem Paar gecouchsurft, die eine Tandem-Tour durch Deutschland gemacht hatten. Sie haben uns die Stadt gezeigt und wir haben uns sehr gut mit ihnen unterhalten. Wir haben auch eine Menge fotografiert und gefilmt, und mit den fahrradfahrenden und nicht-fahrradfahrenden Leuten auf der Straße gesprochen.
In anderen Städten konnten wir mit Fahrrad-Organisationen sprechen und eine Stadt-Tour mit ihnen machen. Natürlich haben wir auch unsere eigenen Beobachtungen gemacht. In Brüssel haben wir der Velocity bicicle conference einen Besuch abgestattet.

Wie haben die Leute reagiert, wenn ihr ihnen von eurer „Mission" erzählt habt?
Eine häufige Antwort war: „Ihr seid ja verrückt!" Die Leute waren sehr beeindruckt und interessiert. Meine Freunde zu Hause geben mit mir im Büro an. Das ist toll: ich glaube, unsere „Mission" hat sowohl meine aktiven als auch meine sesshafteren Freunde inspiriert. In Frankreich haben wir bei einem lustigen Iren in seinem „Bed&Breakfast"-Hotel übernachtet. Er schlug uns vor, statt fürs Fahrradfahren lieber Werbung fürs Alkohol-Trinken zu machen! „Dann würden auch weniger Leute Auto fahren!"


Weitere Informationen unter www.cykeleffekten.se

(Text: Anna Franz / Fotos: cykeleffekten.se & Otto Lindstam)

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