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Weltenbummler / Osten 15.03.09

Städtetrip mal anders: Fremdes Sofa statt Hotelbett

Text: Claudio Tocchio

couchsurfingClaudio entdeckt durch Couchsurfing Polen ganz anders
Ich schaue mich erstmal in dem fremden polnischen Bahnhof um – mein via E-Mail vereinbarter Treffpunkt befindet sich bei McDonald’s. Das riesige gelbe Schild funkelt in einer Ecke und darunter steht ein blondes Mädchen. Ajna. Wir erkennen uns an den Fotos aus unseren Profilen, wechseln ein paar Worte und machen uns auf den Weg. Zu ihr.


Was wie der Anfang eines schlechten und banalen Pornofilms aussieht, ist nur eine gewöhnliche Erfahrung für die Mitglieder der größten Reise- und Gastfreundschaftsseite des Web 2.0: www.couchsurfing.com, fünf Jahre alt, 989.030 registrierte Teilnehmer, hat sich aus der in Deutschland geborenen Seite www.hospitalityclub.org entwickelt und ist jetzt der Anhaltspunkt für Reisenden aus der ganzen Welt. In dieser Community bieten die Users Schlafplätze an, suchen welche, tauschen Informationen aus, organisieren Treffen und helfen sich. Und alles ganz umsonst. Das ist die Cousurfingsphilosophie.

Ein Mausklick und dann ein Sofa finden
Der Eingang in die Community ist einfach, man muss sich mit einer gültigen E-Mail-Adresse registrieren und danach ein Profil erstellen – Interessen, Hobbys, Lebensmotto, Fotos, Sprachkenntnisse usw. Da die ganze Seite nur via Internet funktioniert, ist das Profil am Wichtigsten – viele Freundschaften, gute Referenzen von anderen Usern und anregende Fotos zeigen den anderen Couchsurfern die eigene Erfahrung und schaffen Vertrauen. Nach der Einstellung des eigenen Profils kann man sich zur Gruppe der Stadt anmelden, in der man wohnt, an den regelmäßigen Treffen teilnehmen und die anderen Couchsurfer kennen lernen – oder sich nach einem Schlafplatz für die nächste Reise (nach Spanien, oder Bolivien, oder Sudan – sogar in Lappland gibt es einige Couchsurfer) durch den Couchsearch suchen. Man sucht nach Alter oder Geschlecht oder nach Freundschaften, man schaut sich manche Profile an, man schickt zehn oder 20 E-Mails in der Reihe und man wartet auf eine Antwort – die normalerweise in ein paar Tagen kommt.

So habe ich Ajna gefunden und sie um ein Plätzchen für zwei Nächte gebeten. Jetzt sitzen wir in ihrer Küche, sie hat mir schon ihre Wohnung gezeigt und die Couch für mich vorbereitet; Ein dampfender Tee kühlt sich in den Tassen ab und wir sprechen über ihre Pläne für den Tag danach: Da sie nicht arbeitet, kann sie mit in die Stadt kommen. Man hat nicht immer so viel Glück, viele Couchsurfer bieten zwar einen Platz an, sie müssen aber arbeiten oder zur Uni gehen – viele andere aber, die keinen Schlafplatz haben, sind bereit, den Reisenden Tipps für die schönsten Orte und für die besten Clubs und Restaurants zu geben. Und natürlich mitzukommen.

Gastfreundschaft als Philosophie
Denn darum geht es eigentlich beim Couchsurfing – und nicht nur um kostenlose Schlafmöglichkeiten. Gastfreundschaft und Fremdenfreundlichkeit sind nur in Europa beinahe vergessene Bräuche und gehören in fast allen anderen Kulturen zur Normalität – aber die Jugendlichen (und auch die Erwachsenen), die am Couchsurfing-Projekt teilnehmen, teilen auch eine neue Reise- und Weltanschauung: Man ist nicht und man will nicht mehr ein Tourist sein, man will keine banalen Eiffelturm-Touren mehr machen, keinen All-Inclusive-Urlaub in einem Fünf-Sterne-Hotel in der Türkei machen, keinen 20-Pounds-London-Sight-Seeing-Bus-Tour mehr ertragen – Couchsurfers wollen einfach weg damit.

Sie sind allerdings Reisende – aber der Unterschied zu den herkömlichen Touristen ist groß: Sie lernen gerne Menschen des Ortes kennen, ihnen wird die Stadt gezeigt, als ob sie Einwohner wären – um es kurz zu sagen: Sie verreisen nicht, um sich zu entspannen – sie reisen um die Welt, um Kulturen und Personen, kennenzulernen. Die Reise ist für sie eine Erfahrung und kein Urlaub.

"Und dieses hat nicht nur mit dem Reisen zu tun”, erklärt mir eine überzeugte Ajna beim Essen. “Leute aus der ganzen Welt verstehen und sprechen eine einzige Sprache, sie haben in vielen Sphären ihres Lebens ähnliche Erfahrungen gemacht – es gibt nicht nur eine Kultur, natürlich nicht, aber immer mehr Menschen teilen eine gemeinsame Basis, durch die sie sich verständigen können. Wir sind wie die alten mittelalterlichen Pilger.” Sie muss jetzt lächeln: “Mehr oder weniger.” Dann wird sie bald wieder ernst und fügt hinzu: “Aber wir haben etwas, was sie nicht hatten: das Web. Couchsurfing wäre nicht ohne Internet möglich – und mit anderen berühmten Internet-Seiten teilt es eine gewisse Philosophie.”

Ich frage sie, was sie genau damit meint – ich hatte Couchsurfing noch nicht so betrachtet. “Es ist irgendwie Teil einer Revolution”, spricht sie weiter “Schau mal: Couchsurfing ist genau wie Wikipedia oder Mozilla oder Linux oder Emule oder wie die Millionen Blogs im Netz: Sie alle treiben eine Anschauung fort, die sich den festgestellten Kenntnis-, Reisen- oder Informationsmustern entgegensetzt. Die Idee, dass man kein zentrales Autoritätswesen braucht und dass die Solidarität und Interaktion unter den Menschen reicht, um alles zu machen.”

Gastfreundschaft als Revolution?
Ein paar Stunden später liege ich auf Ajnas Couch in ihrem Zimmer und denke über die Diskussion nach. Vielleicht ist es übertrieben, was sie sagt. Nicht alle sehen Couchsurfing als eine revolutionäre Erfindung. Und ich muss auch daran denken, was viele Freunde sagen, wenn ich ihnen von Couchsurfing erzähle: Sie sprechen von den Problemen, die man haben kann, von der Angst, dass ein Gastgeber unfreundlich sein könnte, von der menschlichen Unzuverlässigkeit. Und viele andere, die von der Couchsurfing-Idee begeistert sind, unterstreichen sofort die Vorteile: Kein Hotel und Restaurant mehr zahlen, billig überall verreisen.

Gute, aber materialistische Gründe, die wenig mit der idealistischen Ajna zu tun haben – und die mich an die alten Pilger denken lassen. Es stimmt, sie konnten danke Gastfreundschaft um ganz Europa verreisen, weil sie und ihre Gastgeber ein gemeinsames religiöses Gefühl und eine soziale Anschauung teilten. Es war selbstverständlich für alle, jemandem in seiner heiligen Fahrt zu helfen. Und doch teilen heutzutage auch viele Couchsurfer eine neue Reiseanschauung, eine neue Interesse an der Welt und an den Menschen, eine neue Lebensphilosophie, die viel mit anderen Projekten des Web zu tun hat. Vielleicht wird die junge und fast noch unbekannte Seite wirklich etwas in der Gesellschaft verändern.

Jetzt aber genieße ich einfach mein warmes Sofa und die Gastfreundschaft, die mir kostenlos angeboten werden. Und ich bin mir sicher dass ich das gleiche für andere machen werde, wenn ich die Möglichkeit haben werde, Ich versuche zu schlafen. Morgen muss ich eine neue Stadt entdecken.

(Text: Claudio Tocchi / Foto: Screenshot www.couchsurfing.com)

Kommentare

avatar Katrin K.
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Hey Claudio! Super Text und vor allem hast du die Couchsurfing-Ph ilosophie gut rübergebracht. Verallgemeinern kann man es sowieso nicht, aber du triffst den Zweck dieser Seite wirklich gut. Ich hab selbst (nur gute) Erfahrungen als Surfer in Norwegen, Dänemark und Wien, in Wien habe ich zusammen mit meinem Ex-Mitbewohner gehostet. Er ist einer der offensten Menschen überhaupt und hatte in über 2 Jahren hosten schon knapp 300 Surfer bei sich, die ihm die Gastfreundschaf t mehr als gedankt haben. Ich versuche auch immer mehr, dieses Projekt im Freundeskreis publik zu machen aber wie du schon schreibst.... die meisten sind leider zu misstrauisch anderen gegenüber...

Viel Erfolg noch! :)
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