Myanmar - oder Birma und Burma, wie der Vielvölkerstaat in Südostasien früher hieß - klingt geheimnisvoll. Nach Tempeln, Pagoden und Reisfeldern. Nach Wasserbüffeln, buddhistischen Mönchen und spitzen Strohhüten. Nach asiatischem Zauber genauso wie nach Militärregime und Armut. Nach einer verlockenden Andersartigkeit. Und der offizielle Landesname klingt noch wundersamer: Pye Tawngsu Myanma Naingngan.
Das „goldene Land" ist fast doppelt so groß wie Deutschland, beherbergt aber nur etwa die Hälfte der Bevölkerung. Es liegt zwischen Bangladesh, Indien, China, Laos und Thailand, direkt am Indischen Ozean. Vom Tourismus blieb es weitgehend verschont. Bisher jedenfalls. Noch ist alles ursprünglich und von der Weltmasse unentdeckt.
Mit dem Wasserfest ins Mittelalter
Zehn Bayern haben sich aufgemacht, um die Region gemeinsam zu bereisen. Ihre Ankunft erfolgte genau zum Neujahrsfest. Es war der Wechsel vom Jahr 1370 auf 1371. Und wie ins Mittelalter zurückversetzt, so fühlten sich auch die im Technologiestaat Aufgewachsenen. Myanmar hat kaum Industrie, die Bevölkerung lebt zu einem großen Teil von der Landwirtschaft. Fast alles wird in Handarbeit hergestellt. Strom gibt es nicht flächendeckend. Wenn nicht zusammengeflickte Autos über die Straßen holpern würden und einige Wohlhabende mit Handys zu sichten wären, man könnte sich durchaus vorstellen, auch nach unserer Zeitrechnung im 14. Jahrhundert angekommen zu sein.
Das neue Jahr begrüßen die Einheimischen mit dem Wasserfest. Ausgerechnet im April, zur heißesten Jahreszeit, in der dieser Rohstoff knapp ist. Dennoch stehen sie mit Schläuchen und Eimern an den Straßenrändern und spritzen um sich. Jeder, der vorbeigeht, wird nass. Auch die Fremden. Wobei diese stets mit fragendem Blick angesehen wurden, um das Einverständnis in ihren Augen zu erkennen. „Darf ich?" Ja, sie durften. Denn Geld und Kamera hatten sie auf Rat ihres Reiseführers im Hotel gelassen. Und bei 40°C im Schatten ist jede Abkühlung angenehm.
Warum die Burmesen so verschwenderisch mit der Kostbarkeit umgehen? Warum sie wegkippen, was ihnen fehlt? Weil sie ihr Vertrauen zeigen wollen. Trotz Trockenheit bauen sie darauf, dass ihre Gottheit ihnen auch im nächsten Jahr ausreichend Wasser geben wird. Ein naiver Gedanke. Und ein schöner.
Seltsame Besucher: Worüber Burmesen staunen
Nicht nur während des Neujahrsfests reagierten die Menschen freundlich auf die Westler. Sie waren stets neugierig, kamen heran, stellten Fragen. Und: Sie wollten die unbekannt-helle Haut berühren. Nicht aufdringlich, ganz höflich. Nur als Toni am Ngapali Beach seinen maskulinen Oberkörper entblößte, gab es einen Auflauf. Eine Jugendgruppe wurde auf ihn aufmerksam. Aufgeregt deuteten und gestikulierten sie, kicherten und fragten mit ihren paar englischen Worten, ob sie die seltsame Behaarung einmal anfassen dürften. Selbstverständlich durften sie. Ihr erstes Brusthaar-Erlebnis war ihnen vergönnt. Brav stellten sich die Halbstarken hintereinander auf und warteten, um das krause Haar durch ihre Fingerspitzen gleiten zu lassen. Welch unbändige Freude, welch Kreischen und Schreien, als der weiße Mann sich schließlich umdrehte und sogar am Rücken ein paar Härchen offenbarte.
Auch andere Reiseteilnehmer wurden fröhlich ausgelacht. Benötigte ihre bleiche Haut so komische Dinge wie Sonnencreme. Burmesen bekommen keinen Sonnenbrand. Dafür plagt auch sie die Hitze. Deswegen schmieren sie sich eine weiße Paste ins Gesicht, die nicht minder merkwürdig anmutet. Doch sie wirkt: Die Baumrinden-Essenz kühlt und macht das Tropenklima erträglich.
Unterwegs mit Flugzeug und Zug
Reisen heißt bewegen. Manchmal ist es allerdings schwierig, voranzukommen. So auch hier. Das Straßennetz ist nicht ausreichend ausgebaut. Längere Strecken können nur mühsam und unter großem Zeitaufwand mit einem motorisierten Vehikel zurückgelegt werden. So waren kleine Propellermaschinen für das neugierige Grüppchen das probate Transportmittel. Aber auch eine Bahnfahrt wollte mit allen Sinnen erlebt werden. Die überfüllten Züge zuckeln in Laufgeschwindigkeit, Menschen springen auf, hängen sich für kürzere Strecken außen an die Waggons und springen irgendwann wieder ab. Im Inneren ist es laut, heiß, voll gestopft mit Körben, Tüten, Koffern, Obst und gackernden Hühnern. Und natürlich den Menschen. Sie stehen gedrängt oder sitzen auf den wenigen Holzbänken und auf dem Boden. Sie essen, spielen, unterhalten sich, während vor den Fenstern eine beeindruckende Kulisse vorbeizieht. Rote Erde, die an Afrika erinnert. Reisfelder, Seen, Berge, bunte Vorstadtsiedlungen, kleine Dörfer. Daneben winkende Kinder und Frauen, die ihre Wäsche zum Trocknen auf die Gleise legen.
Der Zug hält nie. Oder nur kurz. Wer aussteigen will, springt ab. Für zehn Ungeübte war das zu viel verlangt. So bestachen sie den Schaffner, damit er für einen längeren Stopp sorgt. Mit den Scheinen in der Hand wartete er so lange, bis die Gruppe ausgestiegen war.
Als Multimillionär unterwegs
Das Geld war gut investiert. Und ohnehin reichlich vorhanden. Denn jeder, der als Besucher kommt, hat mehr als genug. Mit ihren Kameras, guten Schuhen und teurer Kleidung scheinen sie aus einer anderen Welt zu kommen. Aus einer reichen, gesättigten, übervollen. Als Toni & Co. Devisen wechseln wollten, schleppten sie randvolle Plastiktüten aus der Wechselstube. Denn der größte Schein, der existiert, besitzt einen Wert von 1000-Kyat. Umgerechnet etwa 70 Cent.
Dennoch hat die Bevölkerung das Betteln noch nicht für sich entdeckt. In den Städten sind zwar erste Anzeichen zu erkennen, allerdings tauschen sie lieber. Lippenstift und Parfüm sind besonders begehrt. Gefolgt von allen anderen Kosmetikartikeln der Industriewelt. Sie selbst bieten Obst und Gemüse, Holzschnitzereien, Strohhüte, Seide, Tabak und allerlei Tand.
Die Schönheit und der SchreckenAuf dem Reiseplan der Deutschen stand auch eine Bootsfahrt auf dem Inlesee. Ein Highlight. Der leichte Wind ließ die Wellen sanft schaukeln und sorgte nach der Hitze des Tages für eine perfekte Temperatur. Dazu ein alles überstrahlender Sonnenuntergang. Links und rechts der schmalen Bootstrasse kamen die Leute aus ihren Pfahlbauten, lachten, winkten, guckten. Kinder schrieen, andere Ruderboote glitten vorbei. Die Welt war schön und die Fremden eine herzlich empfangene Attraktion.
Leider kann Myanmar auch anders sein. Seit 1962 wird der Staat vom Militär regiert. Derzeit ist General Than Shwe an der Macht, der gleichzeitig Vorsitzender des „Staatsrats für Frieden und Entwicklung" ist. Viel Frieden hat er seinem Volk jedoch nicht gebracht. Menschenrechtsorganisationen werfen dem Regime Zwangsarbeit, Zwangsräumungen ganzer Dörfer, Folter, Vergewaltigungen, die Verfolgung von ethnischen Minderheiten und den Einsatz von Kindersoldaten vor. Eine Überwachung ist allgegenwärtig. Auch Urlauber werden observiert, den Repressionen kann niemand entgehen. Nicht nur, dass die Hoteliers oftmals wussten, was die Gruppe in den letzten Tagen unternommen hatte. Nein, als eine Mitreisende vom Hotel aus nach Hause telefonierte und auf deutsch von ihren Erlebnissen berichtete, ertönte in der Leitung eine scharfe Männerstimme. Eisig befahl sie: „Please speak English!"
Quo vadis, Reisender?Trotz Diktatur und Armut hat Myanmar wunderschöne Seiten. Dennoch: Soll man andere dazu anfeuern, auch durch dieses Land zu touren? Oder soll man sich besser zurückhalten, abraten und versuchen, die Ursprünglichkeit zu bewahren? Nicht mehr viele Orte existieren, die vom Massentourismus verschont blieben. Zu schnell können Hotelbunker und die raffsüchtige Mentalität der „ersten" Welt Einzug halten. Soll man also losfahren und mit tausend neuen Erfahrungen zurückkehren? Oder soll man sich abwenden, auf den bekannten Routen bleiben und die wenigen „weißen Flecken" auf der touristischen Weltkarte vor ihrer Eroberung schützen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mich Fernweh treibt.
Kommentare