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Weltenbummler / Süden 19.10.09

Ich habe mich verliebt - in eine Stadt!

Text: Wiebke Meeder

cimg1025Hotspots in Madrid
Seit nunmehr einem Monat kann ich mich zur Belegschaft der spanischen Hauptstadt zählen. Nein, ich arbeite hier nicht - aber diese Stadt lässt einen arbeiten, bis zum Umfallen sogar. Dynamisches Tohuwabohu in allen Gassen, in der Metro, in jedem barrio.

Obwohl die wirtschaftliche Situation alles andere als einfach ist, sind die Mietpreise im Stadtzentrum nicht zu bezahlen (bis zu 500€ für 5m² - natürlich ohne Fenster), allerdings wirken die Preise für cañas (kleine Fassbiere) und Köstlichkeiten aus der Tapasküche als ein besänftigender Ausgleich. Mich persönlich begeistert die Kette „Museo del Jamon", die in etwa das spanische Pendant zu McDonalds ist und jeden Mittwoch vom Bier bis zur letzten Bocadillo-Variation alles für einen Euro anbietet. Im Ambiente einer urtypischen Bodega lässt es sich so zwischen Schinkenkloppern, die von der Decke hängen, ungemein gut aushalten. Zurück nach Hause geht es dank ausgezeichnetem Metronetz und Nachtbussen auch immer irgendwie, ein Hängenbleiben in diversen Bars ist also durchaus im Pflichtprogramm enthalten.

Ich selbst wohne nahe dem Vista Alegre im Südwesten der Stadt (für 300€ auf 9m²) und fühle mich zwischen Latino-Mamas und spanischen Opas in Bundfaltenhosen sehr gut aufgehoben. Allerdings hatte ich den August über einige durchwachte Nächte, was zum einen den Höllentemperaturen anzulasten ist und zum anderen dem Lärmpegel. Diese Stadt schläft nie, die Kinder schon gar nicht und am allerwenigsten die Cruiser, die ihr Auto zu jeder Tages- und Nachtzeit in eine mobile Reggaeton-Disco verwandeln.

cimg1052Doch wieder zur Stadt: die Besonderheit in Madrid ist, das jedes Viertel als eigenständiges Städtlein betrachtet werden kann. Über die schicke Moncloa-Gegend hin zum Regenbogenviertel Chueca bis über das Mecca aller Tapasfreunde, Latina, ist für jede Subkultur und jeden Geschmack einiges dabei. In Bars oder Discotheken geht es vor allem rund um Chueca und den Plaza del Sol zur Sache, die Offenheit der Spanier macht es zu einem leichten Unterfangen, auch jenseits der Erasmus-Horde Menschen kennen zu lernen.

Begeistert hat mich bis jetzt vor allem Chueca mit seiner selbstverständlichen Art, Homosexualität offen zu leben und ganz nebenbei dabei am Ende nicht eine abgekapselte Nische zu produzieren. Die Bars sind voll mit Händchen haltenden Jungs und Mädchen, die neben staunenden Touristen ihr Bier trinken und Oliven essen; das ganze in den meisten Fällen von einem süffisanten Lächeln untermalt. Sehen und gesehen werden zählt natürlich, wie überall auf dem Erdball, auch hier.

Zwecks Clubbing würde ich allen Madridbesuchern vor allem das Fulanita de tal in einer Nebenstraße im Regenbogenviertel ans Herz legen. Zwar sind die Getränkepreise mit 4 € pro Bier nicht gerade günstig, dafür entfällt der Eintritt, der bei den meisten Tanzstätten in Madrid um die 15€ liegt. Für alle, die nicht ganz so scharf auf gayness gepaart mit elektronischen Beats und Jazz-Remixes sind und eher mit lauter Latino-Musik die Nacht durchfeiern wollen, sei das Palacio in der Nähe der Haltestelle Sol ein Tipp. Hier feiern alle möglichen Nationalitäten bis in den Morgen hinein gemeinsam zu meist lateinamerikanischer Musikauswahl, die von einigen elektronischen Einflüssen durchsetzt ist. Eintritt hier: 10 € für die Ladies, 15€ für die Jungs mit 2 Getränken inklusive.

Steht einem mal nicht der Sinn nach Fiesta bietet entweder der Retiro-Park klasse Möglichkeiten zum Verweilen oder aber der Prado lädt zu einem Kulturflash ein. Wer mehr auf moderne Kunst steht, sollte nach der Pflichtvisite vom Prado unbedingt dem Tyssen-Museum schräg gegenüber vom Prado einen Besuch abstatten.

cimg1054Für die Masse an Erasmus-Studenten gibt es von den verschiedenen Unis zudem günstige Ausflugsangebote zu den Nachbarstädten wie Toledo oder Aranjuez; einfach mal nachschauen lohnt sich. Und falls man nicht im Meer der Erasmus-Studenten untergehen will und lieber spanisch sprechen möchte und dafür Leute sucht: In Madrid gibt es viele internationale Cafés, in denen spanische Muttersprachler Tandem-Partner aus Deutschland suchen. Am angenehmsten empfand ich hierbei die Gruppe Madrid-Babel, die sich zweimal pro Woche trifft und neben Barbesuch inklusive Kontake knüpfen auch gemeinsame Unternehmungen wie Filmabende oder Tapasverköstigungen anbietet. Beim Bier am Tresen lernte ich so schon einige Menschen kennen, die mir Schritt für Schritt ihr Madrid zeigen.

Alles in allem kann ich bis jetzt nur sagen: De Madrid al cielo bewahrheitet sich fast jeden Tag auf´s Neue! Ich bin gespannt, was ich bald zum Unileben in der Metropole schreiben kann, vorerst soll es jedoch mit dieser Mini-Bestandsaufnahme genug sein.
´Ta prontito...

(Text und Fotos: Wiebke Meeder)

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