Weltenbummler / Westen 17.04.10
Text: Eric Elert
Von der Kunst des TrampensAls die Bahn kam, war ich 100 Meter von der Haltestelle weg. Ich wusste, dass ich sie nicht mehr erreichen würde - und ging einen anderen Weg, um pünktlich in die Stadtmitte zu kommen. Spontan hob ich meinen Arm, ballte die Hand zur Faust und reckte den Daumen nach oben. Es war ein Freitagabend. Ich begann zu trampen. Zehn Minuten und mehrere Autos später hielt ein Golf III an - ab ging es ins Partyviertel.
Das ist jetzt fast drei Jahre her, ab und zu wiederholte ich die Aktion, manchmal mit Erfolg, manchmal nicht. Und auch nur innerorts. 2009 dann kam der Hitchhike-Durchbruch. Spontan und kostengünstig am Wochenende die Freundin in Berlin besuchen? Die Mitfahrgelegenheiten waren schon voll, ein anderer Weg musste her. Da besann ich mich aufs Per-Anhalter-Fahren, stellte mich mit Pappschild 300 Meter vor die Autobahnauffahrt, keine 20 Minuten später saß ich im Fahrzeug.
Doch ich wollte diese Art zu reisen mehr ausreizen. Was ist schon eine direkte Autobahnverbindung, Punkt A und B lächerliche 180 Kilometer entfernt? Längere Distanzen, Zwischenhalte, Nervenkitzel, ein Abenteuer, das wollte ich. Wie der Zufall es so wollte, lernte ich zu diesem Zeitpunkt, kurz vor Ostern 2010, Leute kennen, die mich in ihre Stadt einluden. Kassel. 350 Kilometer. Geht doch!
Aber ein wenig Planung gehört schon dazu. Den Rucksack mit Schlafsack und Essen beladen. Das Pappschild - möglichst groß - mit Edding bemalen. Im Internet andere Tramper-Erfahrungen zur besten Aufsammelstelle suchen und bei Google Maps die Route und den Zwischenhalt bestimmen. Einen Abend vorher war mir klar, welche Autobahnauffahrt ich nehme, dass ich in Jena bei Freunden übernachten werde und natürlich, welche Route ich fahre. Dresden-Chemnitz-Plauen-Jena-Erfurt-Bad Hersfeld-Kassel.
Am nächsten Tag mache ich mich auf. Gegen 15.20 Uhr stehe ich an meinem Posten an einer Fußgängerampel und warte. Immer auf die Kennzeichen schauend, vielleicht findet sich ja ein J für Jena, stehe ich selbstbewusst am Straßenrand. Auch das kommt mit der Zeit - vor drei Jahren kam ich mir dabei entsetzlich doof vor. Heute ist das Warten für mich normal - ich glaube, das merken die Fahrer auch. Sie halten eher an. DD, DD, FG, DD, C. Chemnitz! Das liegt auf dem Weg. Ich wackle mit dem Schild, suche Augenkontakt. Der Fahrer zieht eine Schnute, schaut mich kurz mit dem „Ich kann es nicht ändern"-Blick an und fährt weiter. Nun gut, weiter geht's. DD, DD, PIR...
Ich kenne wenige Beschäftigungen, bei der die Zeit so schnell vergeht wie beim Trampen. Konzentriert schaue ich auf jedes Nummernschild und anschließend in die Augen der Fahrer, hoffend, einschätzend. Ehe ich mich versehe, ist eine dreiviertel Stunde herum, ich warte immer noch. Ab und zu kommt ein F oder ein PL vorbei, die mir riesig helfen würden.
Manche Autofahrer schauen stur gerade aus, manche erwidern meinen Blick fast schon mit Mitleid, doch keiner hält an. Ich zeige mein Schild einem vorbeifahrenden Radfahrer, er lächelt mich an, meine Motivation steigt wieder. Ich werde dennoch langsam unruhig, gehe gute 100 Meter näher an die Ausfahrt, weg von meiner Ampel. Das scheint eine gute Wahl zu sein, die Leute aus dem Umland biegen nun vorher in eine andere Spur - ich kann mich auf die Autobahnfahrer konzentrieren. 20 Minuten später nimmt mich eine Grundschullehrerin nach Chemnitz mit.
Es ist ein unglaubliches Gefühl wenn jemand anhält. Dankbarkeit, Erleichterung, Bestätigung. Automatisch grinse ich beim Eintreten in den Ford, wir beginnen unser Gespräch, die Zeit vergeht wie im Flug. Ich interessiere mich für sie, zumal ich ein Lehramtsstudium für meine Zukunft gern in Erwägung ziehe. Früher in ihrer Studienzeit reiste sie selber viel, auch per Anhalter. Das ist die häufigste Antwort, die ich höre, wenn ich den Grund meiner Mitnahme erfahre.
Doch die große Hürde kommt noch. Chemnitz-Lösa, eine eher kleine Auffahrt, wenig Verkehr, links neben mir Schrebergärten. „Das kann ja heiter werden", denk ich mir. Ich behalte Recht. Die Sonne steht bei meiner Ankunft um 17 Uhr schon recht tief, sinkt immer weiter herab. Um 19 Uhr verschwindet sie hinter der Autobahnbrücke. Mir kommt ein junges Pärchen entgegen, die ich bereits eine gefühlte Ewigkeit vorher sah. „Wo geht ihr mit der Gitarre hin?", frage ich. „Zur jungen Gemeinde." Ich bitte sie im Scherz, für mich zu beten. Der Bahnhof ist viel zu weit weg, ein Zugticket viel zu teuer.
Anscheinend wurde ich erhört. 20 Minuten später hält ein LKW - 400 PS, 28 Tonnen Gewicht. Zur Begrüßung eröffnet mir der Fahrer, dass er mich schon eine gute Stunde vorher sah, als er Richtung Depot fuhr.
Nun geht es wieder nach Thüringen - sein Anhänger ist voll beladen. Wieder kommt diese einmalige Emotion - diesmal noch viel stärker. Begeisterung, Euphorie, unfassbar. Von nun an geht es Richtung Westen. Die rote Sonne direkt vor uns in der riesigen Windschutzscheibe, Coldplay im Radio, der angenehme Geruch des Cockpits - allein dieser Moment ist die ganze Sache wert.
Mein Fahrer erzählt von seinen Touren: Algerien, Russland, Wales. Von der Hektik, die heute bei den Truckern herrscht. Immer rechtzeitig am Zielort sein zu müssen, die ständigen Anrufe vom Chef auf dem Handy. Eine Last.
Als Hitchhiker sieht das ganz anders aus. Man braucht Zeit. Als ich vor Jena die Autobahn verlasse, bin ich für 140 Kilometer fast fünf Stunden unterwegs gewesen. Immer weiter fährt der Truck durch die Nacht, lässt einen Fahrstreifen nach dem anderen hinter sich, schließlich erreiche ich den Treffpunkt mit meinen Leuten und verabschiede mich. Bevor meine Gastgeberin ankommt, schaue ich dem LKW nach, mit einem blauen Container beladen, fährt er noch vor an die Kreuzung und biegt ab.
Der nächste Tag. Ich habe Glück: Nach dem Frühstück fährt mich meine Bekannte bis nach Erfurt und darüber hinaus zur Raststätte Hörselgau. Auf dem Weg dahin passieren wir auf der rechten Seite Weimar, Punkt zwölf Uhr erreiche ich den Rastplatz. Es ist warm, die Sonne scheint, ich setze mich ins Gras und feiere mit einer Banane mein bisheriges Erreichen. Aus der Ferne kann ich einen LKW mit dem Kennzeichen KS erkennen. Fast am Ziel. Nach zehn Minuten mache ich mich auf und werde aktiv. Nicht herumstehen und warten, ansprechen, ganz anders als der bisherige Teil der Reise!
Gemütlich schlendernd erreiche ich eine Familie, die es sich am Rastplatz bequem gemacht hat. Mir strömt der Duft von heißem Kaffee in die Nase. „Tut uns leid, wir fahren nach Gera!" Zur nächsten Menschengruppe. Ich treffe einen Dresdner und beginne einen Schwatz. Er schenkt mir eine Müllermilch. Danach laufe ich in die andere Richtung, zu den LKWs. Der mit dem Kasseler Nummernschild ist verlassen, gleich daneben steht das Wrack eines anderen Lastenzugs. Überall Asche, Reste von Kunststoff, es stinkt nach verbranntem Gummi. Zwei Reinigungskräfte säubern die Unfallstelle, ein VW Passat der Polizei steht daneben, mit zwei beobachtenden Beamten im Fahrerraum. Ich zeige ihnen durch die Frontscheibe mein Schild, sie lachen und wünschen mir Glück.
Nach gut einer Stunde kommt das Glück in Gestalt eines dunkelhaarigen gelockten Holländers zu mir. Mit seiner Frau kommt er gerade aus dem Urlaub aus Dresden, fährt nach Amsterdam zurück. „Ich sage meiner Frau, dass du mitkommst, dann geht das klar." Gleich darauf bin ich wieder auf der Autobahn.
Im Auto atme ich auf. Auch hier entsteht in den ersten Minuten ein munteres Gespräch. Wir lernen uns etwas kennen, die Hemmungen vor dem Fremden werden abgebaut, fühlen uns wohler. Mein Fahrer ist Historiker, spezialisierte sich auf die deutsche Nachkriegsgeschichte. Seine Frau ist Kunsthistorikerin. Gleich frage ich nach, ob die beiden in meiner Heimatstadt das Grüne Gewölbe besuchten. Mit der Zeit werde ich müde. Mit dem Gedanken, meinem Ziel immer näher zu kommen, döse ich ein. Geschafft.
Drei Stunden später sitze ich nach der Fahrt auf der Couch meines neuen Kumpels in Kassel. Wir trinken Tee, ich berichte ihm von meiner Reise. Von dem Warten und Bangen, von dem endlos schönen Sonnenuntergang. „Würdest du es wieder tun?"
Ich überlege kurz und antworte „Ja, wenn ich Zeit habe." Meine Rückfahrt stand zu dem Zeitpunkt schon fest: ein Wochenendticket der Deutschen Bahn. Kein Nervenkitzel, keine Ungewissheit, dafür Ruhe und Planung. Auch mal angenehm.
(Text und Fotos: Eric Elert)
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