Weltenbummler / Westen 01.06.10
Text: Miriam Gräf
Paris - Touri- versus Alternativ-Programm
Wieder atmen. Wieder Luft. Frische Luft. Ein bisschen kühl ist es auch. Das sind die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, als ich in Kaiserslautern aus dem ICE steige. Aber ich frage mich auch, was mit mir geschehen ist. Vier Tage Paris liegen hinter mir. Ich denke, dass es viel zu anstrengend ist, ganz Paris in vier Tagen zu erfassen. Ich denke, dass es unmöglich ist.
Aber was ist nun mit den vier Tagen Paris? Es bleibt nicht nur das Gefühl der toten Füße, sondern auch das Gefühl der Überlastung und des Unfertigen. Ein bisschen später kommt dann der Ekel, dass man so ein richtiger Tourist war.
Vielleicht liegt es daran, dass es nur vier Tage waren. Vielleicht liegt es daran, dass es Pfingsten war. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit dem Französischkurs dort war, aber irgendwie tut mir Paris ein bisschen leid, als ich aus dem Zug steige.
Vier Tage zuvor kommen wir gegen fünf Uhr am Pariser Bahnhof an. Schnell durch die Metro hetzen. Lärm. Viele Menschen. Dreck. Noch mehr Menschen. Es stinkt nach Urin. Am Hostel die Koffer parken und essen.
Zehn Minuten sind es bis zum Louvre. Schnell ein Foto, ein Spiel, das alle Touristen sielen: Sich so stellen, dass es aussieht, als hielte ich die Pyramide in der Hand.
Weiter, der Garten ist schon zu, ab zum Eiffelturm. Ich bin unglaublich fasziniert von der unfassbaren Größe dieses Bauwerks. Ich habe genug Zeit ihn zu bewundern, ich warte schließlich zwei Stunden in der Schlange.
Ganz oben sehe ich wie eine Smogwolke über der Stadt schwebt, ich sehe wie die Lichter da unten am Boden tanzen und wie symmetrisch die Straßen um den Eiffelturm verlaufen.
Notre Dame. Arc de Triomphe. Sacre Cœur. Champs Élysée. Sightseeing auf chinesische Art.
Stopp. Das ist zu viel. Viel zu viel. Ich fühle mich wie ein Tourist. Vielleicht bin ich zu jung, zu links, zu sehr ein Couchsurfer oder vielleicht auch alles zusammen, aber das ist so gar nicht meine Art zu reisen.
Jetzt eine Auszeit, raus aus dem hektischen Treiben der Touristen. Tu parles anglais? Weg von den Jungen, die kleine Eiffeltürmchen verkaufen. Schnell raus.
In der gleichen Stadt, am gleichen Ort, in einer anderen Welt. Die Seine. Wir sitzen am Ufer, mit einer Flasche Wein, Käse und Baguette. Die Sonne bräunt unsere Haut. Auf dem Wasser schaukeln Boote. Von der Ferne betrachtet, sehen die Touristen lustig aus - und die Wellen auch. Neben uns sitzen Franzosen, die Wein trinken und lachen und ein Pärchen, das offensichtlich viel Spaß aneinander hat.
Nur ein paar Stufen abwärts der Hauptstraße und schon habe ich das Gefühl zu reisen. Es ist wunderbar und jetzt bin auch ich in der Lage, den Schmerz meiner Füße zu vergessen und die unglaubliche Schönheit der Stadt zu erkennen. Jetzt, wo wir endlich reisen, wo wir endlich erleben und nicht Urlaub machen oder Touristen-Touren.
Jetzt begreife ich, aber verstehen kann ich so vieles noch nicht. Es ist diese Leichtigkeit, die das französische Leben widerspiegelt, und die dir zuflüstert, jetzt musst du genießen, jetzt musst du leben. Jetzt begreife ich die Schönheit dieses Provisorischen.
Ob nun der Ausblick vom Eiffelturm oder von der Sacre Cœur. Es ist zu wundervoll, um es beschreiben zu können. Wie könnte man es auch? Schönheit ist ein abstrakter, subjektiver Eindruck und vielleicht ist es auch dieser Nebel, der über den Dächern schwebt und einen verzaubert. Und, wenn du erst verzaubert bist, dann kannst du nichts mehr dagegen tun, dann bist du gelähmt. Dann kannst du genießen, leben und dich ganz weit im Nebel verlieren.
Dann kannst du auf den Stufen der Sacre Cœur sitzen und stundenlang über Paris' Dächer schauen, die von einem magischen blauen Dunst überzogen sind, im einen Ohr hört man ein dutzend verschiedene Sprachen, auf dem anderem das sanfte Singen eines hübschen Gitarrenspielers.
Ich habe das Gefühl jetzt zu leben, diesen Moment. Als ich in der vollen Metro saß und ein paar Musiker einstiegen und laute Jazzmusik zu spielen begannen. Da glaubte ich, jetzt und wirklich zu leben.
Ob ich weiß, was ich aus Paris mitnehme? Nein. In meinem Kopf herrscht immer noch ein riesiges Chaos. Um richtig zu reisen, genügen vier Tage nicht. Um eine Stadt zu erfassen, so wie sie wirklich ist, abseits der platt getrampelten Touristenpfade, braucht man länger.
Man braucht Zeit, sich verlieren zu können. Man weiß vorher nie, wie lange es dauert, bis man sich verloren hat und man weiß schon gar nicht, wie lange es dauert, bis man sich wieder gefunden hat.
Es liegt ein Zauber über dieser Stadt, den ich nicht erklären kann. Ich weiß nicht, warum, aber wenn ich abends an der Seine sitze und das Wasser höre, wirkt es, als könne ich mich nirgendwo sonst besser verlieren.
Los Weltenbummler dieses Planeten, erlebt Paris. Ich weiß, euch packt die Sehnsucht und schon verliert ihr euch. Aber überstürzt es nicht, ihr müsst den Moment leben, langsam, langsam.
(Text: Miriam Gräf / Fotos: Silke Hertel)
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