Weltenbummler / Westen 06.10.09
Text: Stefanie Helbig
Boofen im Elbsandsteingebirge
So romantisch wie wir uns das vorgestellt haben ist es aber erstmal nicht, mit Riesenrucksäcken die steilen Aufstiege zu nehmen. Erste Pause. Zweite Pause. Und dann ist der Weg ganz verschwunden, nur noch Felsen und hie und da eine Wurzel zum Hochziehen. Mit den Füßen tasten wir nach den Löchern, die vom Wasser in den Felsen gespült worden sind. Und dann tut sich ein Riesenfelsen vor uns auf, bewachsen mit einem Flaum aus Moos. Der Blick geht durch wiegende Birken über eine Schlucht auf die gegenüberliegenden Felsen, die gelb strahlen wie in einem Märchenfilm. Dass das Gelb ganz profan von Schwefelablagerungen kommt ist nicht schlimm für die Fantasie. Unsere Höhle, das soll sie sein! Einmal um den Felsen herum finden wir drei weitere Höhlen, Felsen in Herzform, und dann wieder diesen Ausblick auf wieder andere Felstürme, die sich aus den Wäldern erheben. Warum ist man bis nach Neuseeland gefahren, um den Herrn der Ringe zu drehen?
Hier bleiben wir. Wir machen es uns gemütlich, machen ein Feuer, grillen, was wir uns noch in der Zivilisation in Dresden gekauft haben und ganz langsam bricht die Nacht herein. Ein Knacken, ein Quieken, Äste. Ich sehe mich um, sehe nichts außerhalb des Feuerscheins. Ein Eichhörnchen wird das wohl gewesen sein. Und doch dauert es lange, bis ich einschlafen kann. Großstadtkinder im Wald, ohne eine Wand um sich herum, nur die Wand aus Dunkelheit mit dem Knacken und Fiepen und Knacksen, Großstadtkinder im Wald haben Angst vor Eichhörnchen. Wie lächerlich sage ich mir. Aber wenn aus der Höhle Brocken herunterstürzen? Natürlich hält die Höhle. Jahrtausendelang haben Menschen in Höhlen wie dieser geschlafen und sie sind nicht eingestürzt. Ich merke, wie weit ich weg bin von dem, was der Mensch mal war.
Als wir abends nach einem Tag voll Wandern wieder in der Höhle sitzen, wieder bei Feuerschein, ritzen wir zum Spaß Menschen mit Speeren in die Wände. Da hören wir aus dem Wald eine Gruppe Menschen auf der Suche nach einer Boofe. "Das ist unsere Höhle", sage ich halbleise, während ich auf dem Stein sitze und meine Höhlengravuren kratze. Mein Revier.
Heute müssen wir wieder in die Zivilisation, unser Proviant ist aufgebraucht, keinen Tag länger überleben wir in der Wildnis mit unseren Jagdkenntnissen. Die Bockwurst mit Kartoffelsalat in der "Letzten Tankstelle vor der Wildnis" ist die Rettung, und Kaffee, mein Gott, wie kann man nur ohne Kaffee leben. Und doch, irgendwie fühlt es sich komisch an. Der Wald liegt still im Hintergrund, das Rauschen der Blätter im Wind ist wie eine Offenbarung, was der Mensch verloren hat. Doch statt ihr zuzuhören, müssen wir jetzt nach Dresden zum Hauptbahnhof, denn da fährt unser Zug. Morgen Mittag haben wir nämlich einen Termin und übermorgen müssen wir dann direkt weiter. Merkwürdig, dass wir so ein Leben als normal bezeichnen.|
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