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Weltenbummler / Westen 06.10.09

Urlaub in der Höhle

Text: Stefanie Helbig

1elbsandsteingebirgeBoofen im Elbsandsteingebirge
In Höhlen schlafen, mitten im Wald? Dafür wird man in Norddeutschland komisch angeguckt, im Elbsandsteingebirge ist das ganz normal. Denn in den Bergen zwischen Dresden und der tschechischen Grenze verstecken sich kleine Höhlen zwischen den Felsen. In denen zu schlafen ist erste Touristenpflicht bei allen, die unter 30 sind und einen Rucksack tragen. "Boofen" nennt sich das. 

Am Kiosk von Schmilka bekommen eine Karte mit den erlaubten Boofen in die Hand gedrückt. Der Kiosk nennt sich "Letzte Tankstelle vor der Wildnis". Dabei denken wir jetzt schon, wir seien mittendrin. Schmilkas Bahnsteig ist mit Gras bewachsen, und auf der anderen Seite des Bahnhofs steht ein braunes Häuschen, an dem die Autos halten - der Grenzübergang. Dahinter erheben sich Felsen und eine Decke aus dunkelgrünem Wald. Unser zu Hause für die nächsten drei Tage.
3elbsandsteingebirgeSo romantisch wie wir uns das vorgestellt haben ist es aber erstmal nicht, mit Riesenrucksäcken die steilen Aufstiege zu nehmen. Erste Pause. Zweite Pause. Und dann ist der Weg ganz verschwunden, nur noch Felsen und hie und da eine Wurzel zum Hochziehen. Mit den Füßen tasten wir nach den Löchern, die vom Wasser in den Felsen gespült worden sind. Und dann tut sich ein Riesenfelsen vor uns auf, bewachsen mit einem Flaum aus Moos. Der Blick geht durch wiegende Birken über eine Schlucht auf die gegenüberliegenden Felsen, die gelb strahlen wie in einem Märchenfilm. Dass das Gelb ganz profan von Schwefelablagerungen kommt ist nicht schlimm für die Fantasie. Unsere Höhle, das soll sie sein! Einmal um den Felsen herum finden wir drei weitere Höhlen, Felsen in Herzform, und dann wieder diesen Ausblick auf wieder andere Felstürme, die sich aus den Wäldern erheben. Warum ist man bis nach Neuseeland gefahren, um den Herrn der Ringe zu drehen?

4elbsandsteingebirgeHier bleiben wir. Wir machen es uns gemütlich, machen ein Feuer, grillen, was wir uns noch in der Zivilisation in Dresden gekauft haben und ganz langsam bricht die Nacht herein. Ein Knacken, ein Quieken, Äste. Ich sehe mich um, sehe nichts außerhalb des Feuerscheins. Ein Eichhörnchen wird das wohl gewesen sein. Und doch dauert es lange, bis ich einschlafen kann. Großstadtkinder im Wald, ohne eine Wand um sich herum, nur die Wand aus Dunkelheit mit dem Knacken und Fiepen und Knacksen, Großstadtkinder im Wald haben Angst vor Eichhörnchen. Wie lächerlich sage ich mir. Aber wenn aus der Höhle Brocken herunterstürzen? Natürlich hält die Höhle. Jahrtausendelang haben Menschen in Höhlen wie dieser geschlafen und sie sind nicht eingestürzt. Ich merke, wie weit ich weg bin von dem, was der Mensch mal war.
Auch am nächsten Morgen. Ich schlage die Augen auf und schaue an die braune Felswand über mir. Mein Magen knurrt und ich denke nach, was wäre, wenn ich mir jetzt erst etwas zu essen suchen müsste. Dann würde ich jetzt hungrig losstapfen, vielleicht hätte ich eine Falle aufgestellt, in der jetzt ein Eichhörnchen wäre, vielleicht auch nicht, und mittags hätte ich eventuell etwas gefunden, aber vielleicht auch nicht. Ob man die Blätter von den Bäumen eigentlich auch essen darf? Giftig sind die doch bestimmt nicht, oder doch? Zum Glück haben wir uns Industrieessen in Plastiktüten in unsere Polyesterrucksäcke gepackt. Und darüber bin ich jetzt echt froh. Keine Eichhörnchenjagd, sondern Frühstück.

elbsandsteingebirge 3 357Als wir abends nach einem Tag voll Wandern wieder in der Höhle sitzen, wieder bei Feuerschein, ritzen wir zum Spaß Menschen mit Speeren in die Wände. Da hören wir aus dem Wald eine Gruppe Menschen auf der Suche nach einer Boofe. "Das ist unsere Höhle", sage ich halbleise, während ich auf dem Stein sitze und meine Höhlengravuren kratze. Mein Revier.

Und am dritten Tag fragen wir uns, was wir denken. Was denke ich? Hm, jetzt nichts direktes. Noch nicht mal ein Ohrwurm, der in meinem Kopf dudelt. Ich denke auch nicht an jetzt, was ich gerade mache oder was ich noch machen sollte. Ich glaube, ich denke nichts. Nichts richtiges, irgendwie. Es zieht einfach nur so mal was vorbei und ist dann wieder weg. Manchmal auch Dinge, die seit Ewigkeiten vergraben sein müssen in diesem Denkapparat, der immer nur dazu kommt, das aktuelle abzuchecken und den nächste Schritt zu bedenken. So muss sich echte Entspannung anfühlen.
Und schon ist sie vorbei.

2elbsandsteingebirgeHeute müssen wir wieder in die Zivilisation, unser Proviant ist aufgebraucht, keinen Tag länger überleben wir in der Wildnis mit unseren Jagdkenntnissen. Die Bockwurst mit Kartoffelsalat in der "Letzten Tankstelle vor der Wildnis" ist die Rettung, und Kaffee, mein Gott, wie kann man nur ohne Kaffee leben. Und doch, irgendwie fühlt es sich komisch an. Der Wald liegt still im Hintergrund, das Rauschen der Blätter im Wind ist wie eine Offenbarung, was der Mensch verloren hat. Doch statt ihr zuzuhören, müssen wir jetzt nach Dresden zum Hauptbahnhof, denn da fährt unser Zug. Morgen Mittag haben wir nämlich einen Termin und übermorgen müssen wir dann direkt weiter. Merkwürdig, dass wir so ein Leben als normal bezeichnen.

(Text und Fotos: Stefanie Helbig)


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